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Es gibt Spiele, die sind nach zwei Minuten praktisch entschieden. Das 3:1 des Hamburger SC gegen PSV Neumünster am 8. Spieltag der 3. Liga Deutschland gehörte beinahe in diese Kategorie - denn kaum hatte sich die Abendkälte über das Volksparkstadion gelegt, da zappelte der Ball schon im Netz der Gäste. 19.077 Zuschauer rieben sich die Augen, als der 18-jährige Claudiu Tataru nach Vorarbeit von Wladimir Gorgon den Ball eiskalt ins rechte Eck setzte. "Ich hab einfach draufgehalten - und gehofft, dass keiner meckert", grinste der Nachwuchsflügel nach dem Spiel. Trainer Bernd Happel, sonst ein Mann mit der emotionalen Bandbreite eines Schiedsrichterpfiffs, ließ sich ein Schmunzeln entlocken: "Wenn die Jungs so weiterspielen, muss ich demnächst Eintritt zahlen." Seine Elf spielte beherzt, aggressiv, aber nicht unfair - und vor allem: mutig. Obwohl Neumünster mit etwas mehr Ballbesitz (52,7 Prozent) antrat, hatte Hamburg das, was man in der Fachsprache die "besseren Momente" nennt. Doch zunächst kam der Dämpfer: In der 18. Minute glich Yves Kraus nach schöner Vorarbeit von Zoltan Koplarovics aus. Ein Angriff wie aus dem Lehrbuch: Flügel, Pass, Tor - und plötzlich war es wieder ein Spiel. "Da dachte ich kurz, wir kippen", gestand Happel später. Doch seine Youngsters dachten gar nicht daran, Nervosität zu zeigen. Acht Minuten später dribbelte sich der blutjunge Jürgen Lauer (ebenfalls 18) durch die linke Abwehrseite des PSV und schob zum 2:1 ein. Der Jubel? Eher unkoordiniert. Lauer stolperte beim Jubeln, wurde vom Mittelstürmer Zivojin Stevic aufgefangen - und rief lachend: "Ich wollte nur testen, ob Zivojin aufpasst!" Und als wäre das nicht genug, folgte kaum vier Minuten später der Moment, in dem selbst die älteren Herren auf der Haupttribüne begeistert klatschten: Innenverteidiger Celalettin Korkut, sonst eher für rustikale Grätschen bekannt, schob nach einer Ecke den Ball aus fünf Metern trocken über die Linie - 3:1. Vorlage: ausgerechnet Lauer, der damit zum Mann der ersten Halbzeit avancierte. Die zweite Hälfte begann dagegen mit einem Schreckmoment: Lauer blieb nach einem Zweikampf liegen, musste verletzt raus. Der 18-jährige Joel Abel kam - und brachte frischen Wind, wenn auch weniger Zielwasser. Während Happel sich lautstark über die ruppige Gangart der Gäste beschwerte ("Das war mehr Wrestling als Fußball!"), zeigte sein Gegenüber Cedric Catweazle wenig Emotionen. "Wir wollten Fußball spielen, nicht foulen", betonte er nach dem Spiel - was bei drei Gelben Karten (Uggla, Myschkin, Domingos) und einer Verletzung von David Melchior zumindest diskussionswürdig klang. Das Spiel verflachte etwas, doch Chancen gab es reichlich: Hamburg brachte es auf neun Torschüsse, Neumünster auf acht. PSV-Stürmer Jesper Geirsson prüfte Keeper Lionel Carvalho mehrfach, doch der junge Portugiese im HSC-Tor blieb nervenstark. "Ich hab gesagt: Heute kein zweites Gegentor. Und manchmal hilft’s, das laut zu sagen", meinte Carvalho mit schelmischem Grinsen. Zwischen Minute 64 und 80 wurde es dann turbulent: Melchior musste nach einer Verletzung raus, Myschkin kam und holte sich später prompt Gelb - vermutlich, um sich einzufügen. Happel wechselte ebenfalls fröhlich durch: Holosko für Korkut, Doyle für Klose. Ein Zeichen dafür, dass die Jugend in Hamburg nicht nur spielt, sondern gedeiht. In den Schlussminuten versuchte Neumünster alles, sogar Stürmer Venditti kam noch zu einem Distanzschuss in der Nachspielzeit, doch Carvalho fischte den Ball aus dem Winkel. Happel applaudierte, Catweazle schüttelte den Kopf - und der Stadionsprecher fasste es passend zusammen: "Das war’s, liebe Leute, der HSC bleibt oben dran!" "Wir sind keine Schönspieler, aber wir sind schnell, frech und jung", resümierte Happel später auf der Pressekonferenz. Catweazle konterte trocken: "Wenn man in 30 Minuten drei Tore kassiert, hilft auch kein Ballbesitz mehr." Damit hatte er wohl recht. Ein kleiner Seitenhieb gefällig? Der HSC gewann mit 47 Prozent Ballbesitz, was beweist: Man muss den Ball nicht haben, um ihn ins Tor zu bringen. Statistiker hassen diesen Trick. Am Ende feierte Hamburg einen verdienten 3:1-Heimsieg - mit jugendlicher Energie, taktischer Disziplin und einer Prise Unverschämtheit. Vielleicht nicht ganz reif, aber verdammt unterhaltsam. Und während die Fans noch sangen, sagte Claudiu Tataru auf dem Weg in die Kabine: "Ich glaub, ich hab jetzt Muskelkater vom Lächeln." Ein Satz, der nach diesem Abend wohl für ganz Hamburg galt. 11.02.643994 15:36 |
Sprücheklopfer
Vieles was darin geschrieben wurde, ist auch wahr.
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