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Es war ein frostiger Februarabend in Rostock, aber auf dem Rasen brodelte es: Empor Rostock besiegte am 11. Spieltag der Oberliga F den SSV Oberspree mit 3:2 (1:1) - und die 3908 Zuschauer im Ostseestadion gingen mit roten Wangen und klammen Händen, aber warmem Fußballherz nach Hause. Johan Johansson, der schwedische Trainerfuchs an der Seitenlinie von Empor, hatte vor dem Spiel noch betont, man wolle "geduldig bleiben und auf die Lücke warten". Nach 17 Minuten war die Lücke da - und Jannik Hafner nutzte sie. Der 21-Jährige, ohnehin so flink wie ein Eichhörnchen auf Koffein, sprintete in einen wunderbaren Außenristpass von Linksverteidiger Sascha Vetter und schob überlegt zum 1:0 ein. Es war der Auftakt zu einem Abend, den die Hafner-Familie noch lange in der Familienchronik erwähnen dürfte. Doch Oberspree reagierte - und wie! Keine zehn Minuten später, in der 26. Minute, traf Karsten Steffen nach einem Pass von Gerhard Endres zum Ausgleich. Rostocks Keeper Max Falk schaute der Kugel hinterher, als hätte sie ein eigenes Navigationssystem. "Da war nix zu halten", meinte Falk später achselzuckend. "Vielleicht mit einem Baseballhandschuh." Das Spiel blieb bis zur Pause offen. Rostock hatte mehr vom Spiel, 24 Torschüsse insgesamt sprechen eine deutliche Sprache, doch Oberspree war effizienter - zumindest bis zur 58. Minute. Da drehte Tom Greiner die Partie, als er nach einem feinen Zuspiel von Bernt Endres trocken ins kurze Eck abschloss. Johansson warf die Mütze auf den Boden. "In dem Moment dachte ich, ich müsste jetzt noch selbst einwechseln", grinste er später. Doch Empor wäre nicht Empor, wenn sie nicht irgendwie noch den Rostocker Spätdampf gezündet hätten. In der 70. Minute war es Jakob Hauser, der nach schöner Vorarbeit von Linus Weber den Ball aus halbrechter Position ins Netz drosch. 2:2 - und plötzlich vibrierte das Stadion. Nur drei Minuten später dann Schrecksekunde: Weber blieb nach einem Zweikampf liegen, musste verletzt raus. Für ihn kam Bernt Riedel, der später lachend meinte: "Ich hatte noch nicht mal richtig geschnürt, da hat Jannik schon wieder getroffen." Denn in der 84. Minute kam der große Moment des Abends. Wieder Jannik Hafner, diesmal nach Vorarbeit seines jüngeren Bruders Björn - ein Familienprojekt in Blau-Weiß. Jannik nahm den Ball an, drehte sich um den verdutzten Verteidiger und vollendete eiskalt. 3:2! "Ich hab nur gesehen, dass Björn den Ball bekommt, und dachte: Bitte nicht über den Zaun", scherzte der Doppeltorschütze später. Von Oberspree kam danach nicht mehr viel, auch wenn Tom Greiner in der 83. Minute noch einmal gefährlich wurde - sein Schuss ging knapp am Pfosten vorbei. Trainer des SSV, der stoische Andreas Lüring, kommentierte trocken: "Wir haben gut gespielt, aber Rostock hatte heute den besseren Familientag." Die Statistik untermauert das: Empor mit 24 Torschüssen zu Obersprees 9, Ballbesitz fast ausgeglichen (49 zu 51 Prozent), aber eine Zweikampfquote von knapp 55 Prozent für die Hausherren. Zwei Gelbe Karten für die Gäste (Freitag in der 37., Blank in der 87.) rundeten einen intensiven Abend ab. Nach dem Abpfiff um 22 Uhr lächelte Johansson erleichtert: "Das war kein taktisches Meisterwerk, aber ein emotionaler Sieg. Und ehrlich gesagt - manchmal ist das schöner." Auf der Tribüne wurde da schon gesungen, obwohl der Wind vom Meer pfiff. Empor klettert mit diesem Sieg weiter nach oben in der Oberliga F, während Oberspree sich fragt, wie man eine Führung aus der Hand geben kann, obwohl man nominell offensiver spielte. Vielleicht lag es am fehlenden Pressing - beide Teams verzichteten darauf konsequent, als hätte jemand "Pressing verboten"-Schilder aufgestellt. In Rostock wird man diese Partie jedenfalls noch eine Weile besprechen - spätestens beim nächsten Hafner-Familienessen. Vater Hafner, so war am Rande zu hören, soll nach dem Abpfiff gemurmelt haben: "Ich hab immer gesagt, dass aus den Jungs was wird." Und wer das Spiel gesehen hat, wird ihm kaum widersprechen. Schlusswort: Es gibt Spiele, die vergisst man am nächsten Tag. Und es gibt solche, bei denen man sich noch Wochen später fragt, ob der Ball von Hafner wirklich so präzise ins Eck passte oder ob da ein bisschen Magie im Spiel war. In Rostock glauben sie an Letzteres - und das ist in dieser Liga wohl das Schönste, was man glauben kann. 22.09.643990 17:08 |
Sprücheklopfer
Wenn es einmal hart auf hart kommt, kommt es meistens ganz hart.
Jens Jeremies