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Das war nichts für schwache Nerven: Im Finale des Liga-Pokals (Oberliga F) zwischen dem SC Neu-Ulm und Empor Rostock stand es nach 90 Minuten 0:0. Erst der 112. Spielminute entglitt den Schwaben der Pokaltraum - ein später Treffer von Maik Haase bescherte den Rostockern den Titel und ließ 2704 Zuschauer zwischen Jubel und Fassungslosigkeit schwanken. Dabei hatte Neu-Ulm gar nicht schlecht begonnen. Trainer und Spieler zugleich schienen in der ersten Halbzeit auf eine kontrollierte Offensive zu setzen. "Wir wollten nicht ins offene Messer laufen", murmelte ein abgekämpfter Janis Baier später in der Kabine, während er mit einem Eisspray auf seinen Oberschenkel zielte. Tatsächlich hielt die Neu-Ulmer Defensive um Joel Moser lange Zeit dicht - und das, obwohl Rostocks Angriffslust früh deutlich wurde. Schon in der 4. Minute prüfte Lars Schumacher den Neu-Ulmer Keeper Ralf Bauer mit einem strammen Linksschuss, der aber sicher gehalten wurde. Empor Rostock war insgesamt das aktivere Team: 19 Torschüsse gegenüber neun Neu-Ulmer Versuchen sprechen eine deutliche Sprache. "Wir haben es versucht, aber der Ball wollte einfach nicht rein - manchmal hat man Tage, da trifft man nicht mal das Scheunentor", schmunzelte Neu-Ulms Routinier Jörg Schöne nach dem Spiel, der selbst zweimal gefährlich abschloss (36. und 58. Minute). Die beste Neu-Ulmer Chance hatte wohl Patrick Maus in der 72. Minute, als sein Schlenzer aus 16 Metern nur Zentimeter über die Latte strich. Der Torjubel war da schon halb geübt, doch Empor-Keeper Joschua Linke blieb unbezwingbar. "Ich hab nur gehofft, dass der Wind mitspielt", grinste er später, während ihm ein Teamkollege scherzhaft den Pokal vor die Nase hielt. Auf der anderen Seite rannte Rostock unermüdlich an. Besonders auffällig: der 33-jährige Maik Haase, ein Stürmer alter Schule, der sich weder von Zeit noch Gegner bremsen ließ. Immer wieder tauchte er gefährlich vor dem Tor auf - in der 90. Minute rettete Bauer noch spektakulär, als Haase einen Kopfball aus kurzer Distanz platzierte. "Da dachte ich schon, jetzt ist’s vorbei", gab Neu-Ulms Schlussmann ehrlich zu. In der Verlängerung kippte das Spiel dann endgültig in Richtung Ostseeküste. Während Empor weiter anlief, schien Neu-Ulm langsam die Kräfte zu verlassen. In der 112. Minute passierte, was sich angedeutet hatte: Linksverteidiger Sascha Vetter marschierte die Linie entlang, flankte millimetergenau, Haase stieg hoch - und wuchtete den Ball per Kopf ins rechte Eck. 1:0 für Rostock. Jubel, Erleichterung, ein Schrei, der bis zum Donauufer hallte. "Ich hab den Ball einfach gespürt", sagte Haase danach mit einem Lächeln, das selbst den härtesten Neu-Ulmer Fan kurz erweichen konnte. Trainer Johan Johansson, der nach Abpfiff mehr sprang als seine Spieler, fasste es trockener zusammen: "Wir haben Geduld bewiesen. Und Maik - na ja, der hat halt den richtigen Riecher." Neu-Ulm versuchte noch einmal alles, doch nach 120 Minuten war klar: Empor Rostock ist Pokalsieger. Die Norddeutschen hatten nicht nur mehr Ballbesitz (52 zu 48 Prozent), sondern auch die bessere Zweikampfquote (53 Prozent). Und sie hatten diesen Haase-Moment. Trotzdem: Der SC Neu-Ulm verabschiedete sich erhobenen Hauptes. Kapitän Joel Moser, der in der 54. Minute Gelb gesehen hatte, nahm es sportlich: "Wenn du alles gibst und trotzdem verlierst, tut’s weh. Aber irgendwann wird der Fußballgott auch mal schwäbisch sprechen." Die Rostocker hingegen tanzten ausgelassen im Kreis, Haase in der Mitte, Pokal über dem Kopf. Die Szene hatte etwas von einem norddeutschen Volksfest mit bayerischer Tragik. Und irgendwo auf der Tribüne kommentierte ein älterer Neu-Ulmer trocken: "Na gut, dann halt nächstes Jahr. Aber bitte ohne Verlängerung - das hält mein Herz nicht mehr aus." So endete ein intensives, ehrliches Finale mit einem knappen, aber verdienten Sieger. Empor Rostock schrieb damit ein kleines Kapitel Vereinsgeschichte - und Neu-Ulm eine bittere, aber würdige. Oder, wie Johansson beim Abgang in die Katakomben flüsterte: "Es war kein schönes Spiel - aber ein schönes Ende." 06.05.643990 07:22 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer