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Ein Fußballspiel ohne Tore, aber mit 22 Torschüssen - das klingt nach einem jener Abende, an denen man sich fragt, ob der Ball vielleicht ein Eigenleben entwickelt hat. CD Guayana empfing am 28. Spieltag der 1. Liga Venezuela das Team von Colegio Merida, und die 32.999 Zuschauer im Stadion bekamen tatsächlich alles zu sehen - außer eben den entscheidenden Treffer. Schon nach einer Minute setzte Elliot Duff ein erstes Ausrufezeichen. Ein satter Schuss aus 20 Metern - und der Ball segelte nur knapp über das Tor. "Da dachte ich, das wird heute ein Feuerwerk", grinste Trainer Ralf Minge nach dem Spiel. Es wurde eines, allerdings nur in Funken und Funkenregen - kein Feuer. Guayana spielte von der ersten Minute an offensiv, wie es die Taktikzettel verrieten: OFFENSIVE Ausrichtung, BALANCED Angriffsspiel, Pressing BEHIND - also immer auf der Lauer, sobald Merida zu viel Sicherheit zeigte. Doch Merida zeigte gar nichts. Ganze null Torschüsse! Der Torwart von Guayana, Latif Kaynak, hätte problemlos einen Liegestuhl aufbauen können. Dafür ballerte Guayana, was das Zeug hielt. Max Hathaway prüfte den gegnerischen Keeper Carles Domingos mehrfach, Wolfgang Mertens drosch aus allen Lagen drauf, Olafur Paulsson versuchte es mit links, rechts und einem Schlenzer, der wohl eher ein Pass zum Maskottchen war. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte Domingos nach der Partie mit einem müden Lächeln. "Aber meine Handschuhe wissen, dass sie heute gearbeitet haben." Zur Halbzeit stand es 0:0 - und das war fast schon ein Wunder. Ralf Minge soll in der Kabine laut geworden sein. "Wenn wir noch näher am Tor stehen, küsst uns der Pfosten zurück!", soll er gebrüllt haben. Die Spieler nahmen sich das offenbar zu Herzen - und schossen in der zweiten Hälfte einfach aus jeder denkbaren Lage. Tiago Vaz hatte in der 49. Minute die größte Chance: frei vor Domingos, Schuss mit links - und der Ball klatschte an den Innenpfosten. Das Publikum stand schon, der Stadionsprecher atmete tief ein - und dann kullerte der Ball gemächlich die Torlinie entlang, um schließlich vom verdutzt dreinschauenden Merida-Verteidiger Bedrettin Seyhan weggeschlagen zu werden. Merida selbst? Nun, sie verteidigten - oder besser gesagt: sie überlebten. Trainer Jupp Tenhagen sah das naturgemäß anders: "Wir haben taktisch sehr diszipliniert agiert. Null Torschüsse? Das ist eine Stilfrage!" Eine Stilfrage, die bei den Zuschauern allerdings für Stirnrunzeln sorgte. In der 61. Minute wechselte Minge doppelt: Hermann Eder kam für Pietro Albanese, Stepan Gordijuk ersetzte Leandro Pacos. Frischer Wind auf den Außenbahnen - und tatsächlich, Gordijuk war es, der in der 88. und 91. Minute noch zweimal gefährlich abzog. Aber der Ball fand seinen Weg einfach nicht ins Netz. Die Statistik sprach eine deutliche Sprache: 22:0 Torschüsse, 47 zu 53 Prozent Ballbesitz, 59 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Guayana. Und trotzdem keine Tore. Man hätte fast den Eindruck, das Tor von Colegio Merida sei an diesem Abend mit einem unsichtbaren Schutzschild versehen gewesen. Ein Journalist fragte Domingos nach dem Geheimnis. "Beton und Gebete", lachte der Keeper. Gelb gab’s zwischendurch auch: Christiano Perales sah kurz vor der Pause die Karte, nach einem rustikalen Einsteigen gegen Adriano Martins. Der Schiedsrichter griff zur Tasche, Perales klatschte ironisch Beifall - und bekam vom eigenen Trainer daraufhin einen Blick, der tödlicher war als jede Grätsche. Nach Abpfiff stand Ralf Minge mit verschränkten Armen an der Seitenlinie. "Ich kann keinem einen Vorwurf machen - außer vielleicht dem Tor selbst", sagte er. "Das hat heute einfach nicht mitgespielt." Sein Kollege Tenhagen nickte gönnerhaft: "Ein Punkt in Guayana? Das nehmen wir mit. Null Torschüsse, null Gegentore - perfekte Effizienz." Die Fans verabschiedeten ihr Team mit Applaus - und einem leichten Kopfschütteln. "Wenn man das Tor nicht trifft, kann man wenigstens den Rasen umpflügen", witzelte ein Zuschauer beim Hinausgehen. So bleibt das 0:0 als ein Spiel in Erinnerung, das alles hatte: Chancen, Spannung, Dramatik - nur eben keine Tore. CD Guayana darf sich fragen, wie man 22-mal aufs Tor schießt und trotzdem ohne Treffer bleibt. Colegio Merida dagegen wird sich fragen, ob man ein Spiel eigentlich auch gewinnen kann, ohne den Ball in Tornähe zu bringen. Und das Fazit? Fußball ist manchmal wie ein schlechter Witz - nur dass an diesem Abend 32.999 Menschen gleichzeitig nicht gelacht haben. 09.12.643987 06:38 |
Sprücheklopfer
Als wir die Kampagne vor vier Jahren begonnen haben, standen wir bei Null Komma Null Point Null Prozent.
Franz Beckenbauer über die deutsche WM-Bewerbung 2006