// Startseite
| La Prensa Libre |
| +++ Sportzeitung für Costa Rica +++ |
|
|
|
Es war noch keine Minute gespielt, da war der Ball schon im Netz - und das Stadion in Liberia bebte. 20.000 Zuschauer rieben sich die Augen, als Zdravko Koroman, der serbische Wirbelwind auf der linken Seite, nach gerade einmal 60 Sekunden den Ball unhaltbar unter die Latte drosch. "Ich dachte, der Schiri pfeift den Anstoß noch mal an", grinste Koroman später, "aber wenn der Ball so schön springt, muss man’s halt probieren." CF Guanacaste gegen San Carlos FC - das klang auf dem Papier nach einem soliden Mittelfeldduell. Tatsächlich wurde es ein Spiel, das sich irgendwo zwischen Slapstick, Leidenschaft und Lehrfilm für Chancenverwertung bewegte. Am Ende stand ein 2:1 für die Gastgeber, die sich damit nicht nur drei Punkte, sondern auch eine Menge Sympathiepunkte sicherten. San Carlos-Trainer Spritty Bohne, ein Mann, der selten um Worte verlegen ist, sah das naturgemäß anders: "Wir hatten zwölf Schüsse aufs Tor, die hatten vier - und trotzdem verlieren wir. Ich weiß nicht, ob das Fußball oder Poesie ist." Es war wohl beides. Nach dem Blitzstart der Hausherren fanden die Gäste schnell ins Spiel. Fritz Ajalon prüfte den Keeper Mason Menzies gleich mehrfach, während Ion Codrea schon in der sechsten Minute Gelb sah, nachdem er Koroman mehr oder weniger höflich vom Ball getrennt hatte. Doch San Carlos blieb dran. In der 35. Minute war es schließlich Matias Romero, der nach feinem Zuspiel von Michael Brand den Ausgleich erzielte - ein Abschluss so trocken, dass selbst die Guanacaste-Verteidiger kurz applaudierten. Kurz vor der Pause dann Schrecksekunde: Alex Collantes von San Carlos verletzte sich ohne Fremdeinwirkung. "Er ist einfach stehen geblieben", berichtete Bohne später, "vielleicht war der Rasen müde." Für ihn kam Louis Corey, der sich sofort mit einem beherzten Sprint einführte - und dann prompt ins Abseits lief. Die zweite Hälfte begann mit viel Ballbesitz für Guanacaste (am Ende 53,7 Prozent) und noch mehr Nervosität bei San Carlos. In der 59. Minute dann die Szene des Abends: Matias Sousa, eigentlich als ruhiger Taktgeber bekannt, zog aus 20 Metern ab - der Ball flog wie an der Schnur gezogen ins rechte Eck. 2:1. Assistgeber Ole Nevland rannte jubelnd Richtung Eckfahne, stolperte, blieb aber lächelnd liegen. "Ich wollte eh nur Zeit schinden", erklärte er später mit einem Augenzwinkern. Eine Minute nach dem Treffer eskalierte die Partie: San Carlos’ Mittelfeldmann Fernando Montanes sah glatt Rot nach einem rustikalen Einsteigen. Es war die Art von Tackling, bei der selbst der Ball kurz Mitleid hat. Trainer Bohne war außer sich, der Vierte Offizielle blieb stoisch. "Ich habe ihm nur gesagt, dass das kein Ballett ist", rechtfertigte sich Bohne hinterher. Mit einem Mann weniger rannte San Carlos weiter an - und schoss sich die Frustration von der Seele. Ajalon, Brand, Romero - sie alle prüften Menzies, der an diesem Abend zur Wand mutierte. "Ich hatte einfach das Gefühl, heute geht keiner rein", sagte der Torwart, "außer der, den ich selbst reinlasse - aber das hab ich dann gelassen." Die Schlussphase war ein Lehrstück in Verzweiflung. In der 85. Minute jagte Romero den Ball aus fünf Metern über die Latte, in der 87. scheiterte Brand erneut. Auf der Tribüne rief ein Zuschauer: "Vielleicht solltet ihr den Ball mal fragen, wo er hinwill!" - woraufhin Bohne nur trocken antwortete: "Der will wohl nicht zu uns." Als Schiedsrichter Guzman nach 94 Minuten abpfiff, war der Jubel groß. Guanacaste hatte aus vier Torschüssen zwei Treffer gemacht - Effizienz in Reinform. San Carlos dagegen dominierte die Statistik, aber nicht das Ergebnis. "Manchmal gewinnt eben nicht der Bessere, sondern der Schlauere", meinte Guanacaste-Kapitän Sousa nach dem Spiel. Und grinste, als hätte er gerade das Fußballgesetzbuch neu geschrieben. Vielleicht war es genau das, was diesen Abend so besonders machte: ein Team, das seine Chancen nutzt, eines, das sie liegen lässt - und ein Publikum, das mit offenem Mund und vollem Herzen zusah. Am Ende verließen 20.000 Menschen das Stadion mit dem Gefühl, Zeugen eines kleinen Fußballmärchens geworden zu sein. Oder, wie ein älterer Herr beim Hinausgehen sagte: "Das war kein Spiel, das war Therapie." 13.04.643990 14:39 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack