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Es war einer dieser lauen ecuadorianischen Abende, an denen der Fußball riecht wie gerösteter Mais und Hoffnung. 27.974 Zuschauer drängten sich im Estadio Municipal von Chone, um ihr Team zu sehen - und sie bekamen ein Spiel, das zunächst nach taktischem Schach aussah, sich dann aber in ein offenes Schlagabtausch-Fest verwandelte. Am Ende jubelte Grecia Chone über ein 3:1 gegen Deportivo Canar - verdient, aber nicht ohne Drama. Die Anfangsphase begann so, wie es sich Trainer Flasche Leer wohl vorgestellt hatte: kontrolliert, ruhig, mit einer Prise "Wir schauen mal, was passiert". Schon in der ersten Minute prüfte Ophir Mofaz den gegnerischen Keeper mit einem satten Schuss. Sein Trainer grinste später: "Ich dachte, der Ball ist schon draußen, da fliegt der Kerl noch hinterher wie ein Adler auf Diät." Doch das erste echte Ausrufezeichen setzte in der 18. Minute Carl Ronaldo - und das in bester Namensvetter-Manier. Nach feiner Vorarbeit von Haluk Karan donnerte der Linksaußen den Ball in die Maschen. Das Stadion bebte, als hätte jemand den Strom aufgedreht. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Ronaldo später verschmitzt zu, "aber wenn’s so reingeht, sag ich natürlich: geplanter Schuss." Deportivo Canar reagierte prompt. Die Gäste, trainiert vom stets leicht ironischen Herbert Feuerstein, zogen das Tempo an. Nur fünf Minuten später vollendete Andreas Ames nach einem cleveren Zuspiel des 20-jährigen Humberto Coelho - 1:1, und plötzlich war wieder alles offen. Feuerstein brüllte von der Seitenlinie: "So, jetzt machen wir’s richtig!" - seine Spieler verstanden das offenbar als Einladung zu einer Serie riskanter, aber sehenswerter Angriffe. Zur Pause war das Spiel ausgeglichen. 50,8 Prozent Ballbesitz für Canar, 49,2 für Chone - also praktisch unentschieden im statistischen Niemandsland. Doch die zweite Hälfte sollte das Bild radikal ändern. Direkt nach Wiederanpfiff, in Minute 46, schlug Grecia Chone erneut zu. Jiri Heinz, der unscheinbare Mann mit der Nummer 8, verwandelte ein Zuspiel von Mikael Väyrynen eiskalt. "Ich habe noch nie so frei gestanden - nicht einmal beim Frühstück", scherzte Heinz nach dem Spiel. Und weil gute Dinge bekanntlich zu dritt kommen, legte Haluk Karan nur vier Minuten später nach. Mit einem Antritt, der selbst die müden Beine des Publikums elektrisierte, schnappte er sich einen Pass von Ophir Mofaz, zog aus 20 Metern ab - 3:1. Feuerstein raufte sich die Haare, während sein Torwart Agemar Albacar in Richtung Himmel blickte, als wolle er dort nach einer Erklärung suchen. Danach dominierte Chone das Geschehen. 14 Torschüsse insgesamt, eine ordentliche Zweikampfquote von fast 52 Prozent - das Team spielte mit jener Selbstverständlichkeit, die man nur zeigt, wenn man weiß, dass der Tag einem gehört. Währenddessen versuchte Canar alles, was das Lehrbuch hergab: Flanken, Distanzschüsse, den verzweifelten Versuch eines Pressings (das laut Statistik allerdings nie wirklich stattfand). In der 85. Minute hatte Christer Michaelsen noch einmal den Anschluss auf dem Fuß, aber Torwart Bruno Goncalves - bislang eher Zuschauer mit Handschuhen - fischte das Ding spektakulär aus dem Winkel. "Ich wollte mal was fürs Highlight-Video tun", grinste der Keeper später. Nach dem Abpfiff sah man auf beiden Seiten interessante Gesichter. Trainer Leer, sonst ein Mann der wenigen Worte, wurde von den Fans gefeiert. "Wir haben unser Pressing auf ’No’ gestellt und trotzdem drei Tore gemacht. Vielleicht sollte ich das öfter so machen", witzelte er in die Mikrofone. Sein Gegenüber Feuerstein nahm’s mit Fassung: "Wir hatten mehr Ballbesitz. Leider zählt der Ballbesitz noch keine Tore - aber ich arbeite dran." Die Fans von Grecia Chone verließen das Stadion mit Songs, Trommeln und einem Gefühl, als hätte man gerade die Meisterschaft gewonnen. Dabei war es "nur" der 25. Spieltag der 1. Liga Ecuador. Doch wer das Funkeln in den Augen von Carl Ronaldo und Haluk Karan sah, wusste: Hier wächst etwas zusammen. Und so endete ein Abend, der mit Taktik begann und in Leidenschaft mündete. Grecia Chone hat sich mit diesem 3:1 nicht nur drei Punkte gesichert, sondern auch ein wenig Stilbewusstsein - jenes seltene Selbstvertrauen, das man in der Kabine nicht trainieren kann. Oder, wie es Flasche Leer beim Hinausgehen formulierte: "Manchmal hilft’s, wenn man einfach Spaß am Spiel hat - und nicht am Ballbesitz." Ein Satz, der in Chone wohl noch lange zitiert werden dürfte. 04.11.643987 16:00 |
Sprücheklopfer
Es war toll, es war klasse, es war wie ein Albtraum.
Torsten Legat nach einem hohen Heimsieg