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Das Stadion von Atlanta bebte am Sonntagabend, als 39.989 Zuschauer Zeugen eines Spiels wurden, das alles bot, was die 2. Liga USA zu bieten hat: Tempo, Tore, Karten - und eine gehörige Portion Chaos. Am Ende jubelten die Atlanta Gorillas über ein hart erkämpftes 2:1 gegen die Bermuda Boars. Trainerin Anja Meister grinste nach dem Abpfiff: "Wir sind heute keinen Meter zu viel gelaufen - aber die richtigen Meter." Dabei sah zunächst alles nach einem gemütlichen Heimabend aus. Die Gorillas begannen offensiv wie angekündigt, mit jugendlichem Übermut und einer Taktik, die irgendwo zwischen "Attacke!" und "Was ist Verteidigung?" pendelte. Nach einer frühen Gelben Karte für den 20-jährigen Innenverteidiger Leon Wiltshire in der 6. Minute schien das Team kurzzeitig nervös. Doch kurz vor dem Halbzeitpfiff platzte der Knoten: Rechtsverteidiger Miguel Manuel, sonst eher für Tacklings bekannt als für Torgefahr, nahm in der 44. Minute Maß und drosch den Ball nach feiner Vorarbeit von Harrison Baker zum 1:0 unter die Latte. "Ich hab einfach draufgehalten - ehrlich, ich wollte eigentlich flanken", gestand Manuel später lachend. Die Fans jubelten, die Boars schauten ungläubig - und ihr Torwart Joao Diaz suchte noch Minuten später nach Erklärungen. "Der Ball hat sich gedreht. Oder das Universum. Eins von beidem", murmelte er kopfschüttelnd. Nach der Pause zeigten die Gäste, warum sie mit 54 Prozent Ballbesitz und 12 Torschüssen eigentlich die aktivere Mannschaft waren. Nur vier Minuten nach Wiederanpfiff traf Juan Pablo Albacar nach einem Eckball von Cameron Marshal zum Ausgleich - ein wuchtiger Kopfball, den Gorillas-Keeper Jozef Moravcik nur noch bewundern konnte. "Ich hab ihn kommen sehen - aber das war wie ein Zug ohne Bremsen", gab der 19-jährige Schlussmann offen zu. Das Spiel nahm Fahrt auf, die Boars drückten, die Gorillas lauerten. Und dann kam die 70. Minute, die in Atlanta vermutlich noch lange erzählt wird. Max Hardin, der linke Verteidiger der Gorillas, schickte einen butterweichen Pass in die Tiefe, wo Harrison Baker - 23 Jahre jung, schnell wie ein Gepard - den Ball eiskalt ins linke Eck schob. 2:1! Das Stadion explodierte. "Ich hab die Jubelpose schon drei Nächte vorher geübt", witzelte Baker später. Doch wer dachte, das Spiel sei entschieden, sah sich getäuscht. Leon Wiltshire, schon verwarnt, übertrieb es in der 84. Minute mit seinem jugendlichen Elan und sah Gelb-Rot. Trainerin Meister schüttelte nur den Kopf: "Ich hab ihm noch zugerufen, er soll cool bleiben. Leider hat er mich nicht gehört - oder zu wörtlich genommen." Mit einem Mann weniger verteidigten die Gorillas die Führung mit allem, was Beine und Nerven hergaben. Die Boars warfen in den letzten Minuten alles nach vorn, hatten noch Chancen durch Henry Broderick (73.) und William Piccard (79.), doch der Ball fand den Weg ins Tor nicht mehr. "Wir hätten heute drei Spiele gewinnen können, wenn das Tor größer wäre", knurrte Boars-Coach in der Kabine - und verschwand, bevor er zitiert werden wollte. Statistisch gesehen hätten die Gäste mindestens ein Remis verdient: 12 Torschüsse zu 11, mehr Ballbesitz, eine bessere Zweikampfquote (51 zu 49 Prozent). Aber Fußball hat bekanntlich wenig mit Statistik zu tun - und viel mit Effizienz. Die Gorillas nutzten zwei ihrer Chancen und kämpften danach wie eine Herde, die ihr Revier verteidigt. Als Schiedsrichter Nelson die Partie abpfiff, fiel Anja Meister ihrer Bank in die Arme. "Ich sag’s mal so: Wir haben heute eher überlebt als gespielt. Aber das ist manchmal der schönste Sieg." Auf der anderen Seite standen die Boars frustriert, aber erhobenen Hauptes. Juan Pablo Albacar fasste es trocken zusammen: "Wir haben gekämpft, wir haben gespielt, aber am Ende haben die Gorillas lauter gebrüllt." Und so bleibt ein Abend voller kleiner Geschichten: ein Rechtsverteidiger als Torschütze, ein Stürmer als Held, ein Innenverteidiger als tragische Figur. Und knapp 40.000 Zuschauer, die wissen, warum man Fußball liebt - weil er nie das macht, was man erwartet. Vielleicht hat Anja Meister es am besten gesagt, als sie auf der Pressekonferenz schmunzelnd meinte: "Wir sind keine Schönheitspreis-Gewinner. Aber drei Punkte sind bekanntlich auch ganz hübsch." 20.01.643994 00:15 |
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