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Wenn 41.174 Zuschauer im "Banana Dome" von Atlanta brüllen, klingt das wie ein tropischer Sturm - und genau so fegte die 17-jährige Nachwuchsbrigade der Atlanta Gorillas am 27. Spieltag der 1. Liga USA über die Charleston Gunners hinweg. Das 2:1 (1:0) war ein Sieg der Unbekümmertheit über die Vernunft, der Jugend über die Erfahrung - und, wenn man Charlestons Trainer Jon Dpunkt glauben mag, "ein Triumph der Naivität über System". Dabei begann alles, wie es die Statistikfüchse lieben: Die Gunners hatten mehr Ballbesitz (51 Prozent), mehr Torschüsse (18 zu 7) und wirkten vom Anpfiff an so, als wollten sie die Gorillas mit Zahlen besiegen. Doch Fußball wird bekanntlich nicht im Rechenzentrum entschieden. Schon nach einer halben Stunde zappelte der Ball im Netz - allerdings im falschen. In der 32. Minute flankte August Bjorklund butterweich von rechts, und der 35-jährige Emilio Xavier, der dienstälteste Gorilla, drosch den Ball in bester "Old School"-Manier unter die Latte. "Ich dachte kurz, ich sei wieder 25", grinste Xavier später. "Dann kam der Sprint zum Jubel, und ich wusste: bin ich nicht." Charleston reagierte wütend. In den Minuten danach feuerte Ethan Barrymore gleich dreimal aufs Tor, doch der 17-jährige Keeper Jozef Moravcik hielt, als hätte er Superkleber an den Handschuhen. "Ich habe einfach gemacht, was Coach Meister gesagt hat: nicht nachdenken, einfach springen", erklärte der junge Slowake mit einem Lächeln, das halb Schüchternheit, halb Frechheit war. Trainerin Anja Meister, die mit einem Altersdurchschnitt von gerade einmal 18,5 Jahren ins Spiel ging, blieb an der Seitenlinie erstaunlich ruhig. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr schon keine Erfahrung habt, dann wenigstens Spaß", sagte sie trocken. Und Spaß hatten ihre Jungs - auch wenn es nach der Pause kurz weniger lustig wurde. Die Gunners, angeführt vom quirligten Flügelpaar Rudolf Carlsson und Rutger Mattson, drückten aufs Tempo. In der 57. Minute kam schließlich der verdiente Ausgleich: Carlsson setzte sich rechts durch, passte flach in die Mitte, und Mattson schob überlegt aus zehn Metern ein. Eine Kombination wie aus dem Lehrbuch - und ein Moment, in dem selbst der Heimtorwart nur höflich applaudieren konnte. Doch Charleston machte den Fehler, nachzulegen zu wollen. Der junge Gerhard Rodriguez, schon mit Gelb verwarnt, grätschte in der 65. Minute einen Ball, der längst auf dem Weg zur Eckfahne war. Zweite Gelbe, Gelb-Rot, Abgang. Trainer Dpunkt raufte sich die Haare, während Rodriguez mit hängendem Kopf in die Kabine trottete. "Er dachte, er rettet das Vaterland", schnaubte Dpunkt nach dem Spiel, "aber er hat nur das System ruiniert." Von da an witterten die Gorillas ihre Chance. Zwar blieben sie spielerisch limitiert - 48 Prozent Ballbesitz und kaum geordnete Pässe -, doch sie rannten, kämpften, gruben, bis auch der letzte Grashalm um Gnade winselte. Und dann kam die 82. Minute: Der 17-jährige Verteidiger Vladimir Dubovsky drosch den Ball lang nach vorn, der gleichaltrige Garritt Knickerbacker nahm ihn volley - 2:1! Die Tribüne bebte, als hätte jemand die Stadionbeleuchtung auf Disco gestellt. Knickerbacker, blutjung und mit Sommersprossen übersät, grinste nach dem Schlusspfiff: "Ich hab gar nicht gesehen, dass der Ball drin war. Ich wollte nur meine Schnürsenkel nachziehen." Trainerin Meister rollte die Augen: "Typisch Garritt." Die letzten Minuten waren ein einziges Überlebensdrama. Charleston, trotz Unterzahl, warf alles nach vorne - inklusive des Torwarts bei der letzten Ecke. Doch der Ball flog weit über Freund und Feind hinweg, und der Schlusspfiff klang für Atlanta wie eine Symphonie. Statistisch gesehen hätten die Gunners das Spiel neun von zehn Mal gewonnen. Aber an diesem Abend war das zehnte Mal. "Das war kein Sieg, das war eine Mutprobe", meinte Meister, während sie auf den Jubel ihrer Teenager blickte. "Wenn man 17 ist, glaubt man, unsterblich zu sein. Heute hatten sie recht." Jon Dpunkt hingegen stapfte wortlos in den Tunnel, gefolgt von seiner dezimierten Truppe. Nur ein leises "Wir üben Schießen" war zu hören - vermutlich sein neues Trainingsmotto. So endete ein Spiel, das weniger nach System, dafür umso mehr nach Herz schlug. Die Gorillas kletterten in der Tabelle, Charleston blieb ratlos zurück. Und irgendwo in Atlanta werden heute Nacht ein paar 17-Jährige glauben, sie könnten die Welt erobern. Wer weiß - vielleicht tun sie’s ja wirklich. 07.12.643987 08:12 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002