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Wer im ausverkauften "GoatDome" in Los Angeles pünktlich zum Anpfiff kam, musste sich die Augen reiben: Noch nicht einmal die Stadionuhr hatte die erste Minute vollendet, da zappelte der Ball schon im Netz der Pioneers. Luke Bostwick, der Mann fürs Grobe im Mittelfeld, hatte sich nach 37 Sekunden ein Herz gefasst und das Leder aus 18 Metern trocken ins Eck gezimmert - Vorlage von Tyler Ashton, der später selbst zum Hauptdarsteller werden sollte. "Ich dachte, ich fang einfach mal an", grinste Bostwick nach dem Spiel. Trainer Friedel Friese klopfte ihm auf die Schulter und murmelte: "Wenn alle so entschlossen wären, bräuchten wir keine Halbzeitansprache." Die Goats spielten in der ersten Hälfte so, wie man sich eine Ziege in Rage vorstellt: wild, angriffslustig und kaum zu bändigen. Ashton erhöhte in der 24. Minute nach schönem Doppelpass mit Mittelstürmer Greger Brun auf 2:0. Die Western Pioneers wirkten in dieser Phase wie Pioniere auf Irrfahrt - 45 Prozent Ballbesitz, aber kaum Ideen. Ihr Trainer Walter White, sonst bekannt für kühle Analysen, schüttelte nur den Kopf: "Wir sahen aus wie Statisten in einem Goats-Werbespot." Mit 2:0 ging’s in die Kabine, und die 57.117 Zuschauer wähnten sich schon in Feierlaune. Doch wer die Pioneers kennt, weiß: Aufgeben gehört nicht zu ihrem Vokabular. Und so kam, was kommen musste. Direkt nach Wiederanpfiff, in Minute 48, stahl sich Logan Cromwell in die Mitte, nachdem Linksverteidiger Alfie Haddock eine butterweiche Flanke geschlagen hatte. Kopfball, Tor, nur noch 2:1 - und plötzlich roch das Spiel nach Wendung. Die Goats antworteten sofort: Fünf Minuten später stellte Brun den alten Abstand wieder her, nach Vorarbeit des unermüdlichen Laurent Astruc. 3:1, alles unter Kontrolle - dachte man. Doch die Pioneers hatten das Memo nicht gelesen. Vincent Derlei, eigentlich rechter Verteidiger, marschierte in der 61. Minute nach vorn und drosch den Ball selbstbewusst unter die Latte. "Ich hab einfach aufgehört, Verteidiger zu sein", lachte er später. Und als Semjon Petrow neun Minuten später - bedient von Adem Martin - zum 3:3 traf, bebte das Stadion. Die Gäste jubelten, die Goats starrten ungläubig auf die Anzeigetafel. "Da war plötzlich dieses Déjà-vu-Gefühl", sagte Friese, "unsere Defensive schien kollektiv beschlossen zu haben, die Zuschauer nochmal zu unterhalten." Sein Gegenüber White konterte trocken: "Ich fand’s großartig, dass sie das mitgemacht haben." Die Schlussphase war ein einziger Schlagabtausch: 16 Torschüsse der Pioneers, 9 der Goats - und mindestens doppelt so viele Nervenattacken bei den Fans. In der 81. Minute prüfte Astruc den gegnerischen Keeper Lewis Roades mit einem wuchtigen Schuss, kurz darauf scheiterte Pioneers-Mittelfeldmann Adem Martin aus 20 Metern. Die Zuschauer zwischen Verzweiflung und Begeisterung, als die Goats in der 90. Minute noch einmal alles nach vorn warfen. Ashton hatte den Sieg auf dem Fuß, aber Roades fischte den Ball mit den Fingerspitzen aus dem Eck. Kurz darauf wurde Brun ausgewechselt - für den jungen Owen Greaves, der kaum Zeit hatte, sich die Schuhe richtig zu binden. Selbst Torwart Charles Willoughby durfte in der 90. Minute noch Platz machen für Ersatzmann William Ackland, was Trainer Friese später mit einem Augenzwinkern erklärte: "Ich wollte einfach, dass Will auch mal ein bisschen Rasen unter den Stollen hat." Am Ende stand ein 3:3, das beide Seiten als moralischen Sieg verkauften. Die Goats, weil sie trotz des Einbruchs nicht verloren; die Pioneers, weil sie trotz des Rückstands nicht aufgegeben hatten. Statistisch gesehen hatten die Gäste mehr vom Spiel - bessere Zweikampfwerte (53 zu 46 Prozent), mehr Torschüsse, mehr Drama. "Wir haben gezeigt, dass wir leben", sagte White nach dem Abpfiff mit einem leisen Grinsen. Bostwick antwortete in der Mixed Zone: "Dann haben wir wohl die Beatmungsmaschine angeschaltet." Ein Spiel, das niemand so schnell vergisst - ein wilder Ritt zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen frühem Triumph und späten Albträumen. Und irgendwo auf der Tribüne grinste ein neutraler Zuschauer, der leise murmelte: "Sechs Tore, keine Sieger - aber ganz sicher keine Verlierer in Sachen Unterhaltung." Fazit: Die Los Angeles Goats bleiben das spektakulärste Team der Liga - und die Western Pioneers die unbequemsten Gäste. Wenn beide wieder aufeinandertreffen, sollte man pünktlich sein. Der erste Torschrei könnte schon fallen, bevor der Nachbar seinen Sitz gefunden hat. 26.05.643987 08:47 |
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