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Ein kalter Februarabend, Flutlicht, 20.250 Zuschauer mit heißem Tee und noch heißeren Emotionen - die Bühne war bereitet für ein Fußballdrama in Tychy. Am Ende jubelte aber der Gast: SK Pruszkow gewann beim heimstarken GKS Tychy mit 3:2 (1:2) und drehte damit eine Partie, die zur Pause eigentlich schon entschieden schien - zumindest für alle, die zu früh nach der zweiten Wurstschlange griffen. Es begann mit einem Paukenschlag defensiver Prägung. In der 27. Minute stand plötzlich Innenverteidiger Kamil Niedzielan da, wo er eigentlich gar nicht stehen sollte - im gegnerischen Strafraum. Nach einer Ecke stieg der 33-Jährige höher als alle und köpfte zum 0:1 ein. "Ich wollte eigentlich nur blocken", grinste er später und fügte halb im Scherz hinzu: "Vielleicht war das ein Positionsfehler in die richtige Richtung." Doch die Antwort der Hausherren kam prompt. Nur fünf Minuten später zog Björn Carlsson, der flinke Schwede auf der linken Seite, ab und traf nach Vorarbeit von Manuel Tiago zum 1:1. Tychy war jetzt im Spiel, die Zuschauer klatschten rhythmisch, und Trainer Christian Reuss brüllte ein anerkennendes "Jawoll, so will ich das sehen!" über den Platz. In der 38. Minute vollendete Kacper Radomski einen sehenswerten Angriff über Domenik Szamotulski zum 2:1. Der Linksverteidiger rannte jubelnd Richtung Eckfahne, während Reuss’ Teetasse im hohen Bogen Richtung Ersatzbank flog - aus Freude, versteht sich. Zur Pause alles im Lot, Tychy hatte zwar nur 40 Prozent Ballbesitz, aber dafür mehr Herzblut. "Wir haben sie laufen lassen, bis sie müde wurden", meinte Reuss später. Dummerweise war es am Ende vor allem sein eigenes Team, das müde wurde. Denn nach dem Seitenwechsel kippte die Partie. Pruszkow kam mit neuem Schwung aus der Kabine, spielte jetzt mutiger, ballsicherer - und effizient. In der 57. Minute war es Rechtsverteidiger Adrian Kosowski, gerade mal 20 Jahre jung, der einen Angriff über Constantin Furtok vollendete. Ein trockener Schuss ins lange Eck, 2:2. Kaum hatten die Heimfans das verdaut, klingelte es erneut: Dario Poggi, der unermüdliche Angreifer auf der linken Seite, traf vier Minuten später zum 3:2 für Pruszkow. Von da an wurde es hitzig. John Ross sah Gelb, Reuss wechselte gleich dreimal - Mason Millington, Grzegorz Zuraw und der erst 17-jährige Leon Goretzka kamen. "Ich dachte, der Junge soll mal frische Luft schnappen", sagte Reuss süffisant. Doch Goretzka schnappte eher nach Luft, denn Pruszkow ließ den Ball laufen, als wäre das Spielfeld ihre private Tanzfläche. Mit fast 60 Prozent Ballbesitz und zehn Torschüssen hatten die Gäste das Spiel im Griff. In der Schlussphase versuchte Tychy noch einmal alles. Brandon Prentiss und Patryk Rudy feuerten aus allen Lagen, doch Torhüter Pedro Sousa hielt, was zu halten war. "Ich hatte das Gefühl, der Ball wollte einfach nicht mehr rein", murmelte Carlsson nach dem Abpfiff, während er enttäuscht seine Stutzen auszog. Stefan Petruck, der Trainer der Gäste, war nach dem Spiel kaum zu bremsen: "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr schon die erste Halbzeit verschlaft, dann steht wenigstens pünktlich zur zweiten auf! Das haben sie getan." Und tatsächlich, die zweite Halbzeit gehörte ganz eindeutig Pruszkow. Selbst die Statistik sprach eine klare Sprache: 59,9 Prozent Ballbesitz, 10 Torschüsse gegenüber 9 der Gastgeber, eine Zweikampfquote knapp über 51 Prozent - solide Werte für ein Auswärtsteam. Und während Tychy noch an den vergebenen Chancen kaute, feierten die Gäste ausgelassen vor der Kurve. "Das war ein Lehrstück in Sachen Geduld", meinte Petruck mit einem verschmitzten Grinsen. Reuss hingegen sah das etwas anders: "Geduld ist was für Schachspieler. Wir hätten das 3:1 machen müssen." So blieb dem GKS Tychy am Ende nur der Applaus der Zuschauer - ehrlich, laut, aber bittersüß. Und irgendwo in der 90. Minute, als die Stadionuhr schon in den Nachspielbereich tickte, soll einer der Fans gerufen haben: "Nächste Woche machen wir’s besser!" - worauf sein Nachbar trocken konterte: "Ja, aber bitte schon in der zweiten Halbzeit." Ein Fazit mit Augenzwinkern: Fußball ist eben kein Teetrinken. Wer zur Pause führt, bekommt noch lange keinen Keks. 11.09.643990 04:37 |
Sprücheklopfer
Ich sehe einen positiven Trend: Tiefer kann es nicht mehr gehen.
Olaf Thon