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Wenn 43.500 Zuschauer an einem Mittwochabend das altehrwürdige Stadion in Gela füllen, dann ahnt man: Es wird laut, wild und wahrscheinlich nicht langweilig. Und tatsächlich - das Play-off-Hinspiel der Champions League zwischen Gela und Crvena Zvezda Belgrad hatte alles, was das Fußballherz begehrt: sieben Tore, eine Gelb-Rote Karte, Trainer, die an der Seitenlinie wie Dirigenten fuchtelten, und Spieler, die zwischen Glanz und Chaos schwankten. Am Ende jubelte Gela - 4:3 (2:1) stand auf der Anzeigetafel, und die Fans sangen, als wäre das Finale schon gewonnen. Von Beginn an war klar, dass hier niemand auf Sicherheit spielte. Beide Teams traten offensiv an, beide wollten zeigen, dass sie Tore schießen können - und beide bewiesen, dass sie auch Tore kassieren können. Schon in der neunten Minute ließ Javier Vazques das Stadion erbeben: Nach einem schnellen Vorstoß über rechts flankte Samuel Perlman präzise in den Strafraum, wo Vazques den Ball volley nahm - 1:0! "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der Stürmer später. "Wenn du zu viel nachdenkst, landet der Ball auf dem Parkplatz." Belgrad antwortete mit Wut im Bauch. In der 25. Minute war es Dusko Drageljevic, der einen Zuckerpass von Zoltan Detari nutzte und aus spitzem Winkel einschob - 1:1. Trainer Don Dirigente klatschte an der Seitenlinie, als hätte er gerade ein Kunstwerk signiert. "Das war unser Spiel, bis sie wieder anfingen, Fußball zu spielen", sagte er später mit einem schiefen Lächeln. Doch Gela ließ sich nicht beirren. Nur acht Minuten später tanzte Marco Frechaut auf der linken Seite zwei Verteidiger aus und legte quer auf Lucas Cochran, der eiskalt vollstreckte - 2:1. "Cochran ist wie ein Espresso: klein, stark und du merkst die Wirkung sofort", witzelte Trainer Michael Müller nach dem Spiel. Nach der Pause blieb das Spiel offen. Belgrad kam mit Schwung aus der Kabine, und in der 60. Minute belohnte sich Zoran Dordevic nach feinem Zusammenspiel mit Detari - 2:2. Die serbischen Fans auf der Tribüne zündeten Bengalos, die Heimfans zündeten Temperament: Statt zu wanken, drehte Gela wieder auf. Nur drei Minuten nach dem Ausgleich bediente Ignacio Barbosa den lauernden Pablo Tarrega, der aus kurzer Distanz einschoss - 3:2. Belgrad wirkte geschockt, Gela roch Blut. In der 73. Minute dann der Moment, der das Stadion endgültig explodieren ließ: Vazques bediente erneut Cochran, und der traf zum zweiten Mal - 4:2. Trainer Müller drehte sich jubelnd zum vierten Offiziellen: "Ich hab’s doch gesagt, der Junge braucht nur zwei Chancen!" Doch wer dachte, das sei’s gewesen, hatte die Balkan-Mentalität der Gäste unterschätzt. In der 85. Minute brachte der eingewechselte Rene Celine den Ball zu Ari Nieminen, der aus 20 Metern abzog und den Ball unhaltbar unter die Latte nagelte - 4:3! "Ich wusste, dass er irgendwann einen trifft", murmelte Gela-Keeper Pattrick Gabriel später, "leider war der Ball schneller als mein Gebet." Die Schlussphase wurde dann zu einem kleinen Drama: Gelas Samuel Perlman sah in der 92. Minute Gelb, kurz darauf flog Belgrads Ermin Jarakovic mit Gelb-Rot vom Platz. "Ich wollte nur den Ball", beteuerte er - was der Schiedsrichter allerdings anders sah. Die letzten Minuten überstanden die Hausherren mit viel Kampfgeist und etwas Glück. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: Gela mit 13 Torschüssen, Belgrad mit 11, Ballbesitz leicht zugunsten der Italiener (52 Prozent). Beide Teams spielten mutig, manchmal zu mutig. Doch genau deshalb war dieses Spiel ein Fest für alle, die Fußball lieber mit Herz als mit Rechenschieber schauen. Trainer Müller lobte sein Team: "Wir haben Charakter gezeigt - und zumindest so getan, als würden wir verteidigen." Sein Gegenüber Dirigente dagegen versprach fürs Rückspiel: "In Belgrad spielen wir auf Sieg. Und diesmal lassen wir das Verteidigen ganz bleiben." Als die Fans nach Abpfiff noch immer sangen und die Spieler erschöpft, aber glücklich in die Kabine schlichen, blieb das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben. Fußball, wie er sein sollte - unberechenbar, emotional und ein bisschen verrückt. Und wenn Michael Müller in der Pressekonferenz sagt, er habe "noch nie so ein schönes 4:3 gesehen", dann glaubt man ihm jedes Wort. Schließlich war es ein Abend, an dem Genie und Wahnsinn endlich wieder gemeinsam aufliefen - und beide trafen. 24.12.643990 07:00 |
Sprücheklopfer
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