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Manchmal sind Fußballspiele wie ein Espresso: kurz, stark und mit einem ordentlichen Nachgeschmack. Gela besiegte am Freitagabend im heimischen Stadion US Brescia mit 3:2 (3:1) und bot den 43.500 Zuschauern ein Wechselbad der Gefühle - von frühem Jubel über nervöse Zitterpartien bis hin zu einem Schlussakkord, der an eine italienische Oper erinnerte. Schon nach sechs Minuten bebte die Arena. Herbert Brun, der 34-jährige Dauerläufer auf der linken Seite, zog wuchtig ab, nachdem Javier Garcia ihn mustergültig bedient hatte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Brun später, "aber dann hat der Ball beschlossen, selbst Geschichte zu schreiben." 1:0 - und Gela schien in Spiellaune. Doch Brescia, bekannt für seine Hartnäckigkeit, antwortete in Minute 21. Orhan Gönül, der bullige Mittelstürmer, verwertete eine butterweiche Vorlage von Tiago Suero. "Wir waren kurz davor, das Spiel zu kippen", meinte Brescia-Coach Patras Egomanis, "aber dann kam diese verrückte Minute." Denn kaum hatte Brescia gejubelt, schlug Gela zurück. Nur 60 Sekunden später stellte Pablo Tarrega, der Torjäger mit dem Charme eines Stierkämpfers, den alten Abstand her - diesmal nach Vorarbeit von eben jenem Brun. 2:1. Und als Javier Garcia kurz vor der Pause (44.) nach Pass von Patrik Licka das 3:1 erzielte, glaubte ganz Gela, der Abend sei gelaufen. In der Pause scherzte Heimtrainer Michael Müller: "Ich sage den Jungs immer, sie sollen sich nicht zu sicher fühlen. Manche nehmen das zu ernst und fangen dann an, sich selbst zu sabotieren." Nach dem Seitenwechsel verlor Gela tatsächlich etwas den Rhythmus. Zwar blieb der Ballbesitz mit satten 62 Prozent klar in Gelas Händen, doch die Präzision ließ nach. Brescia kam auf, allen voran Giulio Vincenzo, der in der 63. Minute mit einem wuchtigen Linksschuss zum 3:2 verkürzte. Maurice Vogel hatte den Angriff clever eingeleitet - und plötzlich war wieder Feuer drin. "Wir hatten sie am Rande des Nervenzusammenbruchs", grinste Vincenzo nach dem Spiel, "aber dann hat uns Kai Heine einen kleinen Streich gespielt." Heine, Brescias linker Verteidiger, sah erst Gelb (53.), dann in der 88. Minute Gelb-Rot - und das war’s mit der Aufholjagd. Die letzten Minuten? Ein wildes Durcheinander aus Krämpfen, langen Bällen und verzweifeltem Pressing. Gela hatte 21 Schüsse aufs Tor, Brescia nur neun - und doch roch es bis zum Abpfiff nach Ausgleich. In der 89. Minute musste Brescias Rechtsverteidiger Michael Benado verletzt raus, und Egomanis brachte den blutjungen Mario Coviello. Der durfte immerhin noch ein paar Sekunden Erstligaluft schnuppern, bevor Schiedsrichter Tondini abpfiff. Müller atmete tief durch. "Ich habe heute zehn Jahre älter ausgesehen, als ich mich gefühlt habe", sagte er nach Spielende mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Erleichterung und Ironie pendelte. "Aber die Jungs haben Charakter gezeigt. Und Herbert Brun sollte vielleicht öfter ’aus Versehen’ flanken." Brescia-Coach Egomanis hingegen suchte die positiven Worte: "Wir haben gegen eine Mannschaft verloren, die heute jeden zweiten Ball gewonnen hat. 3:2 klingt knapp, aber ehrlich gesagt war Gela wacher, frischer und ein bisschen frecher." Statistisch war die Sache klar: Gela dominierte mit 62 Prozent Ballbesitz, 21 Torschüssen und einer Zweikampfquote von über 54 Prozent. Doch Zahlen erzählen nie die ganze Geschichte. Was das Publikum sah, war Leidenschaft pur - von Bruns frühem Kunstschuss bis zum verzweifelten letzten Freistoß Bresc ias, der in der Mauer versandete. Nach dem Spiel blieb das Flutlicht noch lange an. Ein paar Kinder spielten auf der Tribüne imaginäre Tore nach, ein alter Fan winkte mit der Vereinsfahne, und irgendwo im VIP-Bereich hörte man Müller sagen: "Wenn wir immer so spielen, brauchen wir bald doppelt so große Nerven wie Trikots." Ein 3:2 also, das sich anfühlte wie ein 5:4 - voller Dramatik, kleiner Skurrilitäten und dem guten alten Beweis, dass Fußball kein Rechenexempel ist. Und vielleicht war es genau das, was man in Gela hören wollte: drei Punkte, ein hoher Puls und Geschichten, die man noch am nächsten Morgen im Café erzählen kann. 21.04.643987 17:26 |
Sprücheklopfer
Je länger ich darüber nachdenke, desto definitiver stehe ich nicht zur Verfügung.
Franz Beckenbauer