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Ein lauer Abend in Gela, 43.500 Zuschauer, Flutlicht, Pasta-Geruch in der Luft - und ein Fußballspiel, das zunächst roch wie eine klassische italienische Defensivschlacht, bevor es in einer furiosen Schlussphase explodierte. Am Ende triumphierte Gela mit 3:1 über den favorisierten AS Mailand - und das nach einem Rückstand, der die Heimfans schon nach neun Minuten zum Schweigen gebracht hatte. Da nämlich schlich sich der Mailänder Oldie Nandor Bukovi (34) auf der linken Seite durch die Abwehr, bekam den Ball von Leonardo Catalano serviert und zirkelte ihn so präzise ins lange Eck, dass Gela-Keeper Willem Veeder nur noch den Kopf schütteln konnte. "Ich schwöre, der Ball hat sich unterwegs noch gedreht", fluchte er später lachend, "wahrscheinlich vom Fahrtwind der Mailänder Fans." Gela ließ sich davon aber nicht beirren. Trainer Michael Müller stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, kaute an seinem Kaugummi und murmelte laut genug fürs halbe Stadion: "Das war’s jetzt mit freundlich." Fortan rollte Angriff um Angriff auf das Tor von Luca Giovanni, dem Mailänder Keeper, der sich an diesem Abend als einsamer Held gegen eine ganze Armee fühlen durfte. 16 Torschüsse standen am Ende für Gela auf dem Zettel, nur zwei für Mailand - eine Statistik, die eigentlich alles sagt. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Gela lange brauchte, um aus Chancen Tore zu machen. Pablo Tarrega, der bullige Mittelstürmer mit der Eleganz eines Betonmischers, prüfte Giovanni gleich mehrfach (5., 27., 40., 44. Minute), aber der Ball wollte einfach nicht rein. "Ich hab irgendwann gefragt, ob das Tor kleiner geworden ist", grinste Tarrega nach dem Spiel. Dann die 59. Minute: Gelas Flügelspieler Ignacio Barbosa humpelt verletzt vom Platz, der junge Samuel Perlman kommt - und plötzlich wirkt alles wie entfesselt. Die rechte Seite brennt, Lucas Cochran wird eingewechselt, und die Partie kippt. "Wir wussten, dass Mailand müde wird", sagte Müller später. "Also haben wir ihnen den Ball gegeben - und dann wieder weggenommen." In der 75. Minute war es endlich soweit: Tarrega, wieder Tarrega, drückt nach Cochrans Vorlage den Ball aus fünf Metern über die Linie. Der Jubel war so laut, dass man ihn noch in Catania gehört haben dürfte. Mailand, das bisher mit stoischer Ruhe verteidigt hatte, verlor plötzlich die Ordnung. Und als die Gäste versuchten, das 1:1 zu retten, schlug Gela erneut zu. Minute 87: Filipe Semedo marschiert die linke Seite entlang, flankt - und wieder Tarrega! Der Argentinier stieg zwischen zwei Verteidigern hoch und nickte ein. 2:1. Das Stadion bebte. "Ich hab kurz vergessen, dass ich ein Mensch bin", sagte Tarrega. "Ich fühlte mich wie ein Tornado mit Schuhen." Mailand versuchte danach, wenigstens noch einen Punkt zu retten, aber was sie bekamen, war eine gelbe Karte (Polupanow, 93.) und ein drittes Gegentor. In der 95. Minute traf Marco Frechaut nach Vorarbeit von - natürlich - Lucas Cochran. "Der Ball kam perfekt", so Frechaut, "ich musste nur noch so tun, als hätte ich’s geplant." 3:1, Schlusspfiff, Gela im Freudentaumel. Trainer Müller rannte auf den Platz, warf seine Wasserflasche in die Luft und rief in Richtung der Tribüne: "Und die sagten, wir hätten keine Offensive!" Sein Gegenüber Onerom Jackson wirkte da schon etwas verkniffener. "Wir haben das Spiel kontrolliert - na gut, bis zur 74. Minute", meinte er mit einem gequälten Lächeln. Tatsächlich hatte sein Team in der zweiten Halbzeit kaum noch Zugriff. Der Ballbesitz von 43 Prozent fühlte sich eher wie 20 an. Zum Schluss blieb den Mailändern nur der Trost, dass man wenigstens das erste Tor geschossen hatte. Aber das war’s dann auch. Gela dagegen zeigte, dass Leidenschaft manchmal mehr wert ist als Taktiktafeln. "Wir haben einfach weitergemacht, auch als es weh tat", sagte Müller zum Abschied. "Und manchmal ist das genau der Unterschied zwischen einem guten Abend und einer Legende." Legende hin oder her - für die Fans war’s ein Fest. Und für die Statistikfreunde: 58 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse, 3 Tore, 43.500 glückliche Gela-Anhänger. Nur einer dürfte weniger begeistert gewesen sein: der arme Luca Giovanni, der nach dem Abpfiff leise murmelte: "Ich brauch jetzt erstmal Urlaub - oder ein kleineres Tor." So endete ein Spiel, das eigentlich schon entschieden schien - bis Gela beschloss, Fußball zu spielen. 01.12.643990 03:07 |
Sprücheklopfer
Ottmar Hitzfeld ist noch nie auf die Tribüne verbannt worden, ich auch nicht. Aber bei mir wird es sicher nicht mehr lange dauern.
Matthias Sammer