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Es war ein Abend, an dem man sich im Altacher Stadion schon nach zehn Minuten entspannt zurücklehnen wollte - und nach 90 Minuten fassungslos die Hände über dem Kopf zusammenschlug. 24.599 Zuschauer sahen am 16. Spieltag der 2. Liga Österreich ein Fußballdrama, das selbst Drehbuchautor Capablanca (der zufällig auch Altachs Trainer ist) nicht besser hätte inszenieren können: 2:3 hieß es am Ende gegen den frech aufspielenden Außenseiter aus Freistadt. Dabei begann alles wie gemalt für die Hausherren. Bereits in der 2. Minute zappelte der Ball im Netz - Gheorghe Sapunaru, 19 Jahre jung, traf nach feiner Vorarbeit von Samuel Amyot. Das Publikum jubelte, der Stadionsprecher war kaum fertig mit der Tormeldung, da legte derselbe Sapunaru in der 9. Minute nach. Diesmal auf Vorlage von Vincenzo Testa, der sich über links durchtankte, als hätte er den Turbo gezündet. "In dem Moment dachte ich, das wird ein ruhiger Abend", gab der sonst stoisch wirkende Trainer Jose Raul Capablanca später mit einem gequälten Lächeln zu. Doch wer Altach kennt, weiß: Ruhe ist dort ein seltenes Gut. Freistadt, anfangs etwas überfordert, fand rasch ins Spiel. In der 19. Minute bewies Christian Albers, dass 29 Jahre Erfahrung eben doch etwas zählen. Nach einer flachen Hereingabe von Christopher Binder schob er den Ball mit der Innenseite ins lange Eck. Anschlusstreffer! Und plötzlich war die Partie offen wie ein Roman von Dostojewski - voller Spannung und drohendem Unheil. Noch vor der Pause hätte Freistadt ausgleichen können. Binder, Brauer, Fischer - sie alle prüften den 17-jährigen Altach-Torhüter Vaclav Fryda, der mehrmals glänzend reagierte. Altach dagegen verwaltete den Vorsprung lieber, als weiter mutig nachzusetzen. Capablanca stand an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, und sah zu, wie sein Team langsam den Faden verlor. "Wir wollten kontrollieren, aber irgendwie kontrollierte plötzlich niemand mehr etwas", knurrte er nach dem Spiel. Nach dem Seitenwechsel wurde die Lage für die Hausherren noch düsterer. In der 57. Minute flog der 18-jährige Flügelspieler Jarrod Bowen mit Rot vom Platz - ein übermotiviertes Einsteigen, das den Trainer zum kollektiven Kopfschütteln nötigte. "Er wollte zeigen, dass er kämpft. Leider hat er das ein bisschen zu wörtlich genommen", seufzte Capablanca. Freistadt witterte seine Chance, erhöhte das Tempo und schnürte Altach tief in der eigenen Hälfte ein. Die Statistiken sprechen Bände: 17 Torschüsse für Freistadt, nur 9 für Altach, dazu 56 Prozent Ballbesitz für die Gäste. Der Ausgleich lag in der Luft - und fiel schließlich in der 79. Minute. Charlie Monroe, 33 und mit der Ruhe eines Jazzmusikers, nahm erneut einen Pass von Binder auf und netzte eiskalt ein. 2:2. Das Stadion verstummte. Und als Altach noch versuchte, sich neu zu sortieren, schlug Freistadt erneut zu. Nur zwei Minuten später - 81. Minute - stach Marwin John zu. Der rechte Flügelspieler setzte sich nach einem schnellen Umschaltspiel durch und versenkte den Ball unhaltbar ins rechte obere Eck. Die Jubeltraube der Gäste war so groß, dass man kurz Sorge hatte, sie würde bis in den Mittelkreis wanken. "Wir haben nie aufgehört, an uns zu glauben", sagte Torschütze Monroe nach dem Spiel. "Als Albers das erste Tor machte, wussten wir, dass hier mehr drin ist. Und ehrlich gesagt - Altach wurde nervös, das hat man gespürt." Sein Trainer, der trocken meinte, "Wir hatten heute einfach den längeren Atem und vielleicht auch die dickeren Nerven", brachte es auf den Punkt. Altach versuchte in Unterzahl noch einmal alles, brachte frische Beine, doch die Luft war raus. Sapunaru schoss in der 56. Minute zwar noch einmal gefährlich, aber danach blieb es beim Versuch. Freistadt spielte die Schlussphase souverän herunter, als hätten sie nie etwas anderes getan. Als der Schlusspfiff ertönte, sah man Capablanca einsam an der Seitenlinie stehen, die Hände in den Manteltaschen, den Blick leer in den Nachthimmel gerichtet. Auf Nachfrage, was er seinen Spielern jetzt sage, antwortete er trocken: "Dass man ein Spiel auch nach zehn Minuten nicht gewinnt - aber sehr wohl in acht Minuten verlieren kann." Ein Satz, der hängenbleibt. Am Ende jubelte Freistadt über einen Auswärtssieg, der in die Kategorie "Moralischer Dreier plus Charaktertest bestanden" fällt. Altach dagegen geht mit hängenden Köpfen, aber vielleicht einer wertvollen Lektion vom Platz: Fußball dauert eben 90 Minuten - und manchmal noch ein paar Albträume länger. 19.11.643990 13:45 |
Sprücheklopfer
Lorant ist von seinem Niveau her bei einem Verein, der sein Niveau hat.
Oliver Kahn