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Ein Flutlichtspiel, das alles hatte: kalte Finger, heiße Gemüter und einen Torjubel, der das halbe Stadion erzittern ließ - allerdings erst in der Nachspielzeit. Am 15. Spieltag der 2. Liga Österreich trennten sich Freistadt und FK Hainburg mit 1:1 (0:0). 12.500 Zuschauer sahen ein Spiel, das lange auf der Kippe stand - und am Ende beiden Teams nicht so richtig schmeckte. Die erste Halbzeit war ein Paradebeispiel für taktische Disziplin und verpasste Chancen. Freistadt ließ den Ball gefällig laufen, Hainburg schoss gefühlt aus jeder Lage - 19 Torschüsse sprechen Bände. Trotzdem stand es zur Pause 0:0, was auch an Freistadts Torhüter Simon Bruns lag, der mehrmals die Arme so weit ausstreckte, dass man kurz meinte, Spiderman sei eingesprungen. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich mich in den Dreck werfen musste", grinste Bruns nach dem Spiel. "Aber hey, das ist mein Job." Hainburgs Trainer Andreas Swoboida hingegen war da weniger amüsiert. Schon zur Pause gestikulierte er wild an der Seitenlinie, als wolle er seine Spieler per Luftzeichen zum Toreschießen zwingen. Besonders sein Flügelmann James Beglin fiel auf - allerdings eher dem Schiedsrichter, der ihm in der 46. Minute Gelb zeigte, weil Beglin den Ball nach einem Pfiff noch einmal beherzt gen Himmel drosch. Die zweite Hälfte begann, wie die erste endete: mit Hainburger Druck und Freistädter Nervenstärke. Doch in der 54. Minute dann der Schockmoment: Vincent Martins von Hainburg blieb nach einem Zweikampf liegen und musste ausgewechselt werden. Für ihn kam Sascha Grossmann - jener Sascha Grossmann, der später noch zur Hauptfigur des Abends werden sollte. Zunächst aber jubelte Freistadt. In der 68. Minute nahm Knud Peter einen langen Pass von Linksverteidiger Samuel Hamlin volley und traf ins lange Eck - ein Tor, das man so nur alle paar Runden sieht. Der Jubel im Stadion war ohrenbetäubend, Trainer und Ersatzspieler lagen sich in den Armen. "Ich hab gesehen, wie der Ball kommt, und einfach gehofft, dass mein Fuß den Rest erledigt", sagte Peter später lachend. "Er hat’s tatsächlich getan." Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn es nicht noch eine Pointe gäbe. Hainburg, angetrieben von der Wut des Rückstands, erhöhte den Druck ins Absurde. Zwischen der 70. und 90. Minute feuerten sie neun Torschüsse ab - einer wilder als der andere. "Wir haben irgendwann einfach gesagt: schießen, bis der Ball freiwillig reingeht", gestand Swoboida halb im Ernst, halb im Trotz. Und tatsächlich, in der 93. Minute war es dann soweit. Ausgerechnet der eingewechselte Grossmann, eigentlich Rechtsverteidiger, stürmte nach vorne, bekam den Ball von Innenverteidiger Gerard Bettencourt und zog ab. Der Schuss flog wie an der Schnur gezogen in den Winkel - 1:1. Freistadt-Keeper Bruns war chancenlos, die Hainburger Bank explodierte. Während die Gäste jubelten, stand Freistadts Trainer mit versteinertem Gesicht an der Seitenlinie. "Das ist bitter. Wir hatten’s in der Hand", murmelte ein Spieler noch beim Abgang in die Kabine. Kapitän Alexander Hammer, der zuvor Gelb gesehen hatte, fasste es etwas rustikaler zusammen: "Wenn du 93 Minuten arbeitest und dann so einen reinkriegst, willst du eigentlich nur noch den Boden fressen." Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache: 19:4 Torschüsse für Hainburg, dazu mehr gewonnene Zweikämpfe (57 zu 43 Prozent). Freistadt hatte zwar minimal mehr Ballbesitz (50,3 Prozent), doch das war in etwa so tröstlich wie ein lauwarmer Tee in der 89. Minute. Swoboida dagegen konnte sich seinen Schalk nicht verkneifen. "Wir haben heute 90 Minuten gebraucht, um zu merken, dass Tore das Spiel entscheiden", witzelte er nach dem Abpfiff. "Aber besser spät als nie." So endete ein Abend, der für Freistadt wie ein kleiner Stich ins Herz und für Hainburg wie ein moralischer Sieg wirkte. Beide Teams bleiben im Mittelfeld der Tabelle - mit der Gewissheit, dass Einsatz, Emotion und ein Quäntchen Wahnsinn auch in der 2. Liga Österreich noch bestens funktionieren. Und irgendwo in Freistadt wird Knud Peter heute Nacht wohl aufwachen und sich fragen, ob man ein 1:1 eigentlich gewinnen oder verlieren kann. Die Antwort hängt vermutlich davon ab, ob man gerade auf dem Platz stand oder auf der Tribüne saß. 07.11.643990 23:26 |
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Otto Rehhagel