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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob die Halbzeitpause in Freistadt heimlich ein Motivationsseminar war. 14.007 Zuschauer sahen im Stadion ein Spiel, das zunächst wie eine einseitige Angelegenheit aussah - und dann eine kleine Fußballlektion in Sachen Charakter wurde. Am Ende hieß es 2:2 (0:2) zwischen Freistadt und Kohfidisch - ein Ergebnis, das beiden Mannschaften irgendwie nicht so richtig schmeckte, aber niemandem so recht weh tat. Dabei begann alles ganz nach dem Geschmack der Gäste. Bereits in der 11. Minute legte der erfahrene Hartmut Bergmann los, als wollte er den jungen Abwehrspielern zeigen, wie man mit 36 noch das Netz zappeln lässt. Nach feinem Zuspiel von Lennard Marx traf der Linksaußen trocken ins Eck - 0:1. Kaum hatten die Freistädter den Schock verdaut, stand es auch schon 0:2. Nur eine Minute später (12.) vollendete Fernando Mendes nach Vorarbeit von Dalia Ajalon - zwei Angriffe, zwei Tore, und Trainer Micha Roost grinste an der Seitenlinie, als hätte er den Spielbericht schon fertig in der Tasche. Freistadt dagegen wirkte in der ersten Halbzeit wie eine Band ohne Rhythmus. Zwar hatten sie mit 50 Prozent Ballbesitz statistisch gesehen genug vom Spiel, aber kaum Ideen, was sie damit anfangen sollten. "Wir haben uns den Ball schön hin und her geschoben - wie bei einem Kindergeburtstag ohne Kuchen", sagte Freistadts rechter Mittelfeldmann Christian Albers später mit einem schiefen Lächeln. Kurz vor der Pause wurde es hektisch: Nach einer ruppigen Grätsche von Kohfidischs Rechtsverteidiger Lennard Marx (Gelb, 48.) verlor Freistadt endgültig die Geduld. Trainerbank, Fans, der Linienrichter - alle redeten gleichzeitig. Nur der Ball nicht, der lag still. Dann kam die zweite Halbzeit - und mit ihr eine völlig andere Freistädter Mannschaft. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn ihr schon verliert, dann wenigstens spektakulär", verriet Trainerassistent Simon Seifert später augenzwinkernd, der selbst als zentraler Mittelfeldspieler auf dem Platz stand. Und tatsächlich: In der 52. Minute traf Janis Sonne nach klugem Pass von Marcus Fischer zum 1:2. Es war der Weckruf, den das Stadion gebraucht hatte. Fünf Minuten später (57.) folgte der Ausgleich: Marwin John, der schon seit der ersten Spielminute unermüdlich rackerte, schob nach Vorlage von Seifert eiskalt ein - 2:2, und plötzlich roch es nach Wende. "Da war Feuer drin, das war unser Spiel", jubelte John später im Kabinengang, während er noch immer rote Wangen vom Sprinten hatte. Freistadt drückte, Kohfidisch wackelte, aber fiel nicht. Vor allem Torhüter Ricardo Conceicao hielt seine Mannschaft mit mehreren Paraden im Spiel. In der 68. Minute verhinderte er gegen Christian Albers den Rückstand, kurz darauf musste Albers verletzt ausgewechselt werden (79., Yannick Herbst kam für ihn). "Ich hab gespürt, dass da was zwickt - aber auf dem Platz dachte ich, das ist nur der Stolz", grinste Albers später. Die letzten Minuten gehörten wieder Kohfidisch. Petri Kallio prüfte in der 92. Minute Freistadts Keeper Simon Bruns, der mit einer Flugeinlage den Punkt rettete. "Ich hab den Ball kaum gesehen, aber gespürt - das reicht manchmal", sagte Bruns nach dem Schlusspfiff, während er sich lachend die Handschuhe auszog. Statistisch war das 2:2 fast eine mathematische Gerechtigkeit: 12 Torschüsse Freistadt, 10 Kohfidisch, Ballbesitz fast ausgeglichen, Zweikampfquote leicht zugunsten der Hausherren (52 zu 48 Prozent). Trainer Micha Roost konnte mit dem Ergebnis leben - wenn auch nur halb. "Wir waren in der ersten Halbzeit brillant, in der zweiten dann eher humanitär. Wir haben Freistadt leben lassen", kommentierte er trocken. Freistadts Trainer - der nach dem Spiel lieber ungenannt bleiben wollte, "weil meine Frau sonst wieder meint, ich rede zu viel" - sah das naturgemäß anders: "Das war eine Frage des Willens. Und vielleicht auch des Kaffees in der Pause." Am Ende blieb ein Abend, an dem beide Teams zeigten, warum die 2. Liga Österreich so unterhaltsam ist: nicht perfekt, aber voller Geschichten. Und während sich die Fans auf den Heimweg machten, sagte ein älterer Herr auf der Tribüne: "Wenn das so weitergeht, kauf ich mir wieder eine Dauerkarte - aber nur, wenn sie auch in der ersten Hälfte Fußball spielen." Ein 2:2, das sich anfühlt wie ein Sieg für Freistadt und wie eine verpasste Chance für Kohfidisch - und das alles an einem Dienstagabend, der sich plötzlich ganz groß anfühlte. 12.02.643994 03:15 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack