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Ein Dienstagabend im Januar, Flutlicht über dem Kunstrasen des SV Linx, 2281 Zuschauer mit dicken Jacken, heißem Tee und noch heißeren Emotionen: Das 1:2 (1:2) gegen Freiburg war ein Spiel, das alles hatte - nur keinen Sieger aus Linx. Dabei fing es an wie aus dem Lehrbuch für mutige Underdogs. Schon nach einer Minute prüfte Robert Jahn den Freiburger Keeper Leon Kessler, der mit einem Reflex den frühen Rückstand verhinderte. "Ich hab’ gedacht, das Ding geht rein, aber der Kerl hat halt Spinnenarme", grinste Jahn später. Linx spielte frech, mit offensivem Herz und einer Prise jugendlicher Unbekümmertheit - nicht zuletzt dank des 17-jährigen Christian Stein, der im Mittelfeld Ball und Gegner gleichermaßen laufen ließ, bis er später ausgewechselt wurde und von der Bank aus jeden Pass kommentierte wie ein junger Experte. Doch Freiburg wäre nicht Freiburg, wenn sie nicht eiskalt aus dem Nichts zuschlagen könnten. In der 22. Minute kam der Pass von Leon Block in die Gasse, Benjamin Schneider startete, blieb cool und schob ein - 0:1, das war die erste Lehre des Abends: Effizienz schlägt Enthusiasmus. Die Antwort aus Linx kam keine zwei Minuten später. Stein, der Jüngste auf dem Platz, legte quer auf Carsten Vollmer, der sich aus 18 Metern ein Herz fasste und den Ball mit links unter die Latte drosch. Der Jubel war so laut, dass selbst Trainer Michal Dickschat kurz die Taktiktafel vergaß und stattdessen die Faust ballte. "Ich sag’s ja immer: Wenn du dich traust, kann Fußball schön sein", grinste er nach dem Spiel - bevor er mit einem ironischen Seitenblick hinzufügte: "Blöd nur, dass wir’s danach wieder spannend machen mussten." Denn kaum hatte sich der Rauch über dem Linxer Strafraum verzogen, schlug Freiburg erneut zu. Der 17-jährige Helmut Schiller, ebenfalls ein Teenager, der offenbar noch nie etwas von Nervenflattern gehört hat, zog in der 36. Minute aus halbrechter Position ab - 1:2. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte er hinterher, so bescheiden, dass man fast vergisst, dass sein Schuss perfekt passte. Die zweite Halbzeit? Ein Duell auf Augenhöhe mit zwölf Torschüssen pro Team und fast identischem Ballbesitz (49 zu 51 Prozent). Linx drückte, Freiburg verwaltete - aber was heißt hier verwalten? Stefanie Becker, die Trainerin der Gäste, dirigierte vom Spielfeldrand mit einer Mischung aus Gelassenheit und Schachspielerinnenblick. "Linx hat uns richtig Arbeit gemacht", gab sie nachher zu. "Aber meine Jungs wissen, wann sie Tempo rausnehmen müssen - und wann sie wieder zubeißen." Auf Linxer Seite wurde es kämpferisch. Eduardo Henrico, der 18-jährige Joker, kam zur zweiten Hälfte und brachte frischen Wind - und beinahe den Ausgleich. Sein Schuss in der 88. Minute zischte Zentimeter über die Latte. "Ich dachte, das Netz flattert schon", stöhnte er später, während Trainer Dickschat ihn tröstend auf die Schulter klopfte: "Wenn du den triffst, reden wir hier über Legendenstatus." Zwei Gelbe Karten für Hermann Grimm (79.) und Carsten Vollmer (87.) passten ins Bild: Leidenschaft bis zum Schluss, manchmal einen Tick zu viel. Der Schiedsrichter hatte alle Hände voll zu tun, blieb aber - anders als manch Akteur - stets aufrecht. Am Ende blieb das Resultat: 1:2. Linx hatte genauso viele Torschüsse wie Freiburg, aber eben einen Treffer weniger. Eine dieser bitteren Fußballweisheiten, die man sich nicht schönreden kann, auch wenn Dickschat es versuchte: "Wir haben das Spiel nicht verloren, wir haben nur zu wenig Tore gemacht." Freiburg dagegen jubelte kontrolliert, fast höflich. Schneider und Schiller, die beiden Torschützen, klatschten kurz ab, dann ging’s Richtung Bus. "War ein Arbeitssieg", meinte Schiller und grinste - vielleicht, weil man mit 17 noch nicht weiß, dass man solche Spiele irgendwann vermisst. Ein kleines Wort noch zum Publikum: 2281 Zuschauer, die bei minus zwei Grad auf den Rängen ausharrten, wurden mit offenem Schlagabtausch und jugendlicher Energie belohnt. "Das war Regionalliga, wie man sie liebt", sagte ein Linx-Fan beim Hinausgehen. "Leider mit falschem Ende." Fazit? Linx verliert knapp, aber mit Stil. Freiburg gewinnt knapp, aber clever. Und irgendwo zwischen Mut und Abgezocktheit lag an diesem Abend das, was man im Fußball so gern "die Wahrheit auf dem Platz" nennt. Nächste Woche wartet der nächste Gegner - und wer weiß, vielleicht trifft dann auch wieder Carsten Vollmer. Oder der junge Henrico. Oder das ganze Stadion. 06.06.643987 20:00 |
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