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Wenn 11.219 Zuschauer an einem kühlen Märzabend in der Frankfurter Einheit-Arena auf den Rängen stehen und sich gegenseitig mit Pappbechern wärmen, dann ahnt man: Hier passiert gleich etwas. Und tatsächlich - Einheit Frankfurt besiegte Rot-Weiß Halle mit 3:1, zeigte dabei Spielfreude, jugendliche Frechheit und so viel Offensivdrang, dass man den Eindruck bekam, Trainer Leo Gert habe die Pausenbrote seiner Mannschaft mit Espresso bestrichen. Von Anfang an diktierte Frankfurt das Geschehen. Schon in der ersten Minute prüfte der 20-jährige Marek Svento den Hallenser Keeper mit einem satten Distanzschuss - ein Vorgeschmack auf einen Abend voller Druckwellen in Richtung Gästetor. "Wir wollten gleich zeigen, dass das kein Kaffeekränzchen wird", grinste Svento später im Kabinengang, während er sich die Schweißperlen aus der Stirn wischte. Rot-Weiß Halle hingegen fand kaum den Anschluss. Der Plan von Trainer Luis Muriel - tief stehen, lange Bälle, Konter - wirkte eher wie eine nostalgische Erinnerung an Fußball vergangener Jahrzehnte. "Wir wollten Frankfurt locken", erklärte Muriel nach dem Spiel, "aber sie sind einfach nicht reingetappt." In Minute 37 fiel dann das längst überfällige 1:0. Der 18-jährige Samuel Bloomfield, gerade mal volljährig und schon Publikumsliebling, nahm eine butterweiche Flanke von Moritz Karl direkt und versenkte sie mit der Selbstverständlichkeit eines Routiniers. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", sagte Bloomfield. "Wenn ich nachdenke, geht der Ball eh daneben." Mit dieser Führung ging’s in die Pause - und Frankfurt hätte zu diesem Zeitpunkt schon 3:0 führen können. 10 Torschüsse in Halbzeit eins, Ballbesitz knapp 53 Prozent, Halle dagegen: ein Torschüsschen und viel Hoffnung. Die zweite Halbzeit begann wie eine Kopie der ersten - Frankfurt rannte, Halle wartete. Und plötzlich, aus dem Nichts, Minute 51: Jason Albers, der einzige Hallenser, der nicht vergessen hatte, wo das gegnerische Tor steht, überlief die Abwehr und traf zum 1:1. Der Jubel der mitgereisten 300 Hallenser Fans klang kurz wie eine Fanfare der Auferstehung. Trainer Muriel brüllte: "Jetzt sind wir da!" - um zehn Minuten später festzustellen, dass sie doch wieder weg waren. Denn nur 13 Minuten nach dem Ausgleich stellte Jacob Schuster, der frisch eingewechselte Rechtsaußen, mit einem wuchtigen Abschluss unter die Latte den alten Abstand wieder her. Vorlage: erneut Moritz Karl, der an diesem Abend offenbar beschlossen hatte, die rechte Seite in einen Selbstbedienungsladen für Vorlagen zu verwandeln. "Ich hab ihn einfach gesehen - und dann war der Ball halt da, wo er hinmusste", sagte Karl und grinste wie jemand, der weiß, dass der Satz in jedem Interview funktioniert. Ab da war’s Einbahnstraßenfußball. Frankfurt spielte, kombinierte, tänzelte. Halle dagegen kämpfte tapfer, aber ohne Plan. "Wir sind halt noch im Aufbau", meinte Muriel später lakonisch. Was immer da aufgebaut wird, es könnte etwas mehr Beton vertragen. Den Schlusspunkt setzte erneut Samuel Bloomfield in der 80. Minute - diesmal nach einem feinen Zuspiel des eingewechselten Knud Born. Bloomfield zog aus 14 Metern ab, der Ball zappelte im Netz, und die Kurve sang, als wäre gerade der Aufstieg perfekt gemacht. Trainer Leo Gert ballte die Faust, drehte sich dann zur Bank und sagte trocken: "Na also, geht doch." Danach war’s nur noch Schaulaufen. Frankfurt hatte 19 Torschüsse auf dem Konto, Halle gerade mal einen. Die Statistik sprach eine klare Sprache: 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gastgeber, 0 Prozent Humor bei den Gästen. Taktisch blieb Gert seinem ausgewogenen System treu - weder zu defensiv noch zu riskant, einfach "so, dass die Jungs Spaß haben", wie er es formulierte. Muriel dagegen blieb beim Konterspiel, das aber so selten funktionierte, dass man meinen konnte, seine Spieler hätten Angst vor dem Ballbesitz. Nach Schlusspfiff standen die Frankfurter Spieler Arm in Arm vor der Fankurve. Jugend, Tempo, Spielfreude - das war der Dreiklang dieses Abends. Und irgendwo zwischen den Fahnen und Trommeln hörte man jemanden rufen: "Bloomfield for Chancellor!" - was angesichts seiner zwei Tore und seines Alters gar nicht so abwegig klang. "Wenn wir so weiterspielen, wird’s eine schöne Saison", meinte Trainer Gert zum Abschied und zwinkerte. "Und wenn nicht, dann schreiben Sie das bitte nicht so genau." Ein bisschen Ironie, ein bisschen Demut - und drei Punkte. Frankfurt durfte zufrieden sein. Halle dagegen hatte immerhin die Erkenntnis, dass man mit einem Schuss aufs Tor nicht unbedingt ein Spiel gewinnt. Aber vielleicht ja Herzen - irgendwo, irgendwann. 31.01.643994 16:14 |
Sprücheklopfer
Wir wollten in Bremen kein Gegentor kassieren. Das hat auch bis zum Gegentor ganz gut geklappt.
Thomas Häßler