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Manchmal ist Fußball einfach ungerecht, manchmal einfach brutal ehrlich. Beim 1:4-Heimdebakel des TSV Havelse gegen Einheit Frankfurt war es wohl Letzteres. 9632 Zuschauer im Havelser Stadion erlebten am Freitagabend einen jener Abende, an denen man ahnt, dass der Gegner einfach einen viel besseren Tag erwischt hat - und der eigene Torwart vermutlich in der Kabine über sein Schicksal nachgrübelt. Dabei fing alles schon nach vier Minuten an, als Frankfurts Rechtsverteidiger Miguel Manuel, gerade mal 19 Jahre jung, beschloss, dass er heute nicht nur verteidigen, sondern auch treffen will. Nach einem feinen Zuspiel von Jakob Hanson zimmerte Manuel den Ball aus vollem Lauf in den Winkel. TSV-Keeper Bailey Cascarino flog, streckte sich, sah gut aus - und war dennoch machtlos. "Der hat den genau da reingehauen, wo die Spinne wohnt", murmelte ein Havelse-Fan auf der Haupttribüne resigniert. Frankfurt ließ nicht locker. In der 24. Minute war es dann Munis Saglik, der nach feiner Vorarbeit von Rui Valente auf 0:2 erhöhte. Saglik, 21 Jahre alt, spielte, als hätte er gerade beschlossen, die dritte Liga im Alleingang aufzumischen. Er rannte, dribbelte, lachte - und schoss. Und wie! Trainer Leo Gert grinste später: "Munis hat heute wohl vergessen, dass wir kein Hallenturnier spielen. Er war überall." Havelse dagegen kämpfte wacker, aber hilflos. Die Statistik war fast schmeichelhaft: 49,9 Prozent Ballbesitz, aber nur fünf Torschüsse. Frankfurt dagegen feuerte 21 Mal aufs Tor. Nur der Rasen blieb verschont. Walter Rodekamp, der Havelser Coach, sah schon zur Pause bedenklich still aus. "Wir waren eigentlich im Spiel", sagte er später mit einem Seufzer. "Nur der Ball war’s halt nicht." Nach dem Wechsel keimte kurz Hoffnung auf. In der 50. Minute traf Agemar Antolin nach einer schönen Kombination über Asier Cunha zum 1:2. Das Stadion bebte, die Fans glaubten wieder an das Wunder. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Ding", meinte Mittelfeldmotor Pau Camacho. Es kippte auch - aber leider in die falsche Richtung. Denn kaum hatte Havelse gejubelt, schlug Frankfurt zurück. Zwei Minuten später stellte Munis Saglik den alten Abstand wieder her, erneut nach Vorlage von Hanson. Und damit nicht genug: In der 54. Minute schnürte Saglik seinen Dreierpack, diesmal bedient von Yossi Levinger, der gerade erst für den verletzten Liam Latham eingewechselt worden war. "Ich hab ihm gesagt: Lauf einfach, ich find dich schon", grinste Saglik später. Er fand ihn. Und das Tor gleich mit. Danach war der Drops gelutscht. Frankfurt spielte den Ball mit jugendlicher Leichtigkeit durch die Havelser Reihen, als ginge es um ein Trainingsspiel. Havelse rannte, kämpfte, grätschte - und kassierte Gelbe Karten. Asier Cunha sah eine frühe Verwarnung in Minute zwei, Pedro Makukula in der 36. Frankfurt blieb cooler, nur Rui Valente und Kamuran Öztürk ließen sich später Gelb zeigen - ohne Folgen. Selbst als Rodekamp noch einmal alles umstellte - Antolin raus, Opata rein, später kamen Schmidt und Varela - blieb die Wende aus. Frankfurt dagegen gönnte sich Luxuswechsel: Saglik durfte ab der 74. Minute duschen, Marek Svento bekam noch ein paar Drittligaminuten und ein Lächeln vom Trainer. Einheit Frankfurt spielte das 4:1 souverän nach Hause, mit fast schon akademischer Ruhe. In der Schlussphase zirkelte Henriksson noch zwei, drei Flanken ins Nichts - aber das störte niemanden mehr. Die 9632 Zuschauer applaudierten trotzdem, weil sie wussten: Wer so abgekocht spielt, der hat den Sieg verdient. Rodekamp fasste es nach dem Abpfiff mit trockenem Humor zusammen: "Wir wollten Frankfurt überraschen. Hat geklappt - sie waren überrascht, wie leicht es ging." Und Munis Saglik? Der schulterte seinen Spielball, grinste in die Kameras und sagte: "Ich hab heute einfach Spaß gehabt. Wenn das Schule macht, wird’s gefährlich." Einheit Frankfurt steht nach diesem Sieg mit breiter Brust da, während Havelse nachdenklich in die Trainingswoche startet. Fußball kann grausam sein - aber manchmal ist er eben nur ehrlich. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen knurrte: "Wir hätten auch 0:7 verlieren können. Aber das wär dann wenigstens klar gewesen." 07.06.643987 00:35 |
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