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Es war ein Spiel, wie es der Fußballgott in seiner launischen Art liebt: Chersonissos drückt, Rodos verteidigt, die Zuschauer stöhnen - und am Ende entscheidet ein junger Grieche, dass Geduld doch eine Tugend ist. 20.474 Fans im Stadion von Chersonissos sahen am 15. Spieltag der 1. Liga Griechenlands einen dieser Abende, an denen sich die Frage stellt, ob man eigentlich Eintritt fürs Drama oder für die Torschüsse bezahlt hat. Denn Letztere gab es reichlich. Ganze 20 Mal feuerten die Gastgeber auf das Tor von Jacinto Tortosa, dem bedauernswerten Schlussmann von Rodos. Der konnte sich nach 90 Minuten kaum noch erinnern, wie sich Stillstehen anfühlt. Dagegen schafften es die Gäste gerade einmal zu einem einzigen, zaghaften Versuch - vermutlich mehr ein Versehen als ein geplanter Angriff. Der Ballbesitz war mit 50 zu 50 Prozent fast ausgeglichen, aber wer das Spiel gesehen hat, wusste: diese Statistik lügt. Von Beginn an rollte Angriffswelle auf Angriffswelle auf das Tor der Gäste. Schon in der ersten Minute prüfte Venediktos Fotopoulos den Keeper. Die Fans rieben sich die Hände, ahnten ein Torfestival - und bekamen stattdessen 86 Minuten gepflegtes Nervenflattern. Trainer Harry Kane, der an der Seitenlinie mit der Körpersprache eines Vulkans agierte, meinte später mit einem schiefen Grinsen: "Wenn wir so weitermachen, brauche ich bald Herztabletten. Aber wenigstens funktioniert die Offensive - irgendwann." Das "irgendwann" kam schließlich in der 87. Minute. Nach unzähligen Versuchen, Pfiffen, Ecken und einem Torwart, der wohl schon Stoßgebete absetzte, war es wieder Fotopoulos, der sich ein Herz fasste. Nach einem langen Ball vom eingewechselten Innenverteidiger Tomas Kisel - ja, Innenverteidiger! - nahm der 23-Jährige den Ball elegant an und drosch ihn mit der Entschlossenheit eines Mannes, der keine Verlängerung will, ins rechte Eck. 1:0! Das Stadion explodierte, Bierbecher flogen, und irgendwo auf der Tribüne fiel jemandem vor Erleichterung das Gyros aus der Hand. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", sagte Fotopoulos später und grinste schüchtern in die Kameras. "Ich wollte einfach, dass der Ball endlich aufhört, mich auszulachen." Sein Trainer legte ihm den Arm um die Schulter und murmelte: "Wenn er das öfter macht, darf er ab morgen im Training auch mal früher Feierabend machen." Rodos dagegen hatte an diesem Abend nicht viel zu lachen. Ihre einzige nennenswerte Szene: ein harmloser Schuss von Artemios Vlahos in der 18. Minute, der so weit am Tor vorbeiging, dass der Ball fast im Imbissstand landete. In der 82. Minute gab es dann noch eine Gelbe Karte für Sideris Vlahos, der offenbar dachte, der Ball sei eine seltene Spezies, die man nur mit beherztem Tritt stoppen kann. Spätestens als Vincenzo Valenti in der Nachspielzeit Rot sah, war klar: Dieser Abend wird in Rodos’ Vereinschronik unter "Zum Vergessen" abgelegt. Taktisch blieb Chersonissos von Anfang bis Ende auf Angriff gepolt. Offensiv, ausgewogen im Passspiel, aber ohne wildes Pressing - bis zur Schlussphase. Da drehte die Kane-Elf auf, stellte auf aggressives Pressing um und belohnte sich prompt. Rodos dagegen blieb brav bei seiner "ausbalancierten" Marschroute - was in etwa so wirkte, als wolle man mit einem Regenschirm einen Sturm aufhalten. Besonders auffällig beim Heimteam: der unermüdliche Hugo Mattson auf rechts, der mit 34 Jahren noch immer die Linie rauf und runter sprintet, als sei er auf Energydrinks abonniert. "Ich hab’s den Jungs gesagt", lachte Mattson nach dem Spiel, "wenn wir das nicht gewinnen, lauf ich das nächste Mal rückwärts." Zum Glück blieb ihm das erspart. Und so endet ein Spiel, das Chersonissos’ Geduld, Fans und Reporter zugleich auf die Probe stellte, mit einem späten, aber verdienten Happy End. Die Gastgeber sichern sich drei Zähler, bleiben oben dran - und Harry Kane kann den Abend statt mit Herzrasen vielleicht doch mit einem Glas Wein ausklingen lassen. Oder, wie ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich hab in meinem Leben schon viele 1:0 gesehen - aber selten eines, das sich so anfühlte, als wären es fünf." Chersonissos lacht also zuletzt, Rodos hadert, und die Liga hat ihr nächstes kleines Drama. Fußball in Griechenland - manchmal ist das eben weniger Sport und mehr griechische Tragödie mit Happy End. 30.06.643987 07:42 |
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Jürgen Wegmann