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Was lange währt, wird endlich gut - und manchmal dauert es eben 73 Minuten. So geschehen am 22. Spieltag der 1. Liga Griechenland, als Chersonissos vor 19.592 Zuschauern im heimischen Stadion den favorisierten Gästen von AEL Athen ein 1:0 abrang. Es war kein Feuerwerk des Offensivfußballs, aber eines dieser Spiele, bei denen man spürte: Hier rackert eine Mannschaft für ihr Publikum - und das Publikum für sie. Schon früh zeichnete sich ab, dass Chersonissos an diesem Abend den Ton angeben würde. 56 Prozent Ballbesitz, 19 Torschüsse - und das gegen Athen, die ganze zwei Versuche aufs Tor zustande brachten. Nach einer Viertelstunde hatte man fast Mitleid mit AEL-Keeper Frangiskos Ravoussis, der mehr Bälle fangen musste als ein Zirkusartist. Besonders Venediktos Fotopoulos, der 23-jährige Mittelstürmer mit der Haarpracht eines Rockstars, prüfte den Torwart in der 14., 15., 21. und 24. Minute - und jedes Mal blieb Ravoussis der Spielverderber. "Ich dachte irgendwann, der hat Magneten in den Handschuhen", grinste Fotopoulos später. "Aber Hugo hat gesagt: ’Mach weiter, irgendwann kracht’s.’" Mit "Hugo" meinte er seinen kongenialen Sturmpartner Hugo Mattson, 34, der als erfahrener Routinier nicht nur kluge Pässe spielte, sondern in der 73. Minute das entscheidende Zuspiel gab. Die Szene des Abends: Mattson bekommt rechts den Ball, täuscht eine Flanke an, zieht dann doch kurz nach innen - und legt mit einem elegant getimten Außenristpass auf Fotopoulos ab. Der nimmt das Leder volley aus knapp 14 Metern, und Ravoussis fliegt vergeblich. 1:0! Der Jubel im Stadion klang, als hätte Chersonissos gerade die Meisterschaft gewonnen. Trainer Harry Kane (ja, Namensvetter des englischen Superstars, aber deutlich sonnengebräunter) sprang an der Seitenlinie auf und brüllte: "Endlich!" "Wir haben uns das erarbeitet", sagte Kane nach dem Spiel. "Die Jungs haben heute gezeigt, dass man auch mit 19 Torschüssen irgendwann mal treffen darf." Eine kleine Spitze gegen die Effizienz, die in den letzten Wochen fehlte - Chersonissos hatte zuvor dreimal in Folge torlos gespielt. AEL Athen hingegen wirkte über 90 Minuten so, als hätten sie den Anpfiff verschlafen. Zwar starteten sie laut Taktikzettel "offensiv", aber was auf dem Platz zu sehen war, erinnerte eher an einen zögerlichen Sonntagsausflug. Nur zwei Schüsse aufs Tor, einer davon in der 94. Minute - als wollte man dem Statistikbogen wenigstens ein bisschen Inhalt gönnen. "Wir wollten kompakt stehen und auf unsere Chance warten", erklärte Athen-Verteidiger Ioakim Nafpliotis, der in der 87. Minute noch Gelb sah. "Blöd nur, dass die Chance dann nie kam." In der Schlussphase wurde es trotzdem hitzig. Zwei Gelbe Karten für die Gäste, ein paar wilde Tacklings - und ein Chersonissos-Team, das sich in die eigene Hälfte zurückzog, als wolle es das Ergebnis in eine Vitrine sperren. "Da musste ich kurz an Herztabletten denken", witzelte Torwart Ashton Heighway, der ansonsten einen ruhigen Abend erlebte. Statistisch gesehen war Chersonissos in allen Belangen überlegen: mehr Ballbesitz, mehr gewonnene Zweikämpfe (fast 58 Prozent), mehr Schüsse, mehr Leidenschaft. Nur beim Zittern lagen beide Teams gleichauf - Athen, weil es zu wenig zeigte, Chersonissos, weil man zu spät belohnt wurde. Und dann war da noch der 17-jährige Theodoros Fyssas, der nach seiner Einwechslung in der 62. Minute mutig draufhielt und fast das 2:0 erzielte. "Der Junge hat keine Angst - nicht mal vor seiner Mutter", lachte Kane. "Wenn er so weitermacht, reden wir bald nicht mehr über Nachwuchs, sondern über Schlüsselspieler." Als der Schlusspfiff ertönte, fielen sich Spieler und Fans in die Arme, als hätten sie gerade eine kleine Fußballrevolution erlebt. Vielleicht war es das auch - zumindest eine symbolische: ein Sieg des Fleißes über die Routine, des Glaubens über die Langeweile. Am Ende stand ein 1:0, das mehr erzählte als das nackte Ergebnis: von Geduld, von Leidenschaft und von einem jungen Griechen namens Fotopoulos, der endlich traf. "Ich hab’ nur gemacht, was ich immer mache", sagte er mit einem Augenzwinkern. "Diesmal war halt das Netz im Weg." Und während die Fans noch sangen, sah man Trainer Kane mit einem breiten Grinsen in Richtung Presse sagen: "Ich sag’s euch - wenn wir so weiterarbeiten, müssen die Großen bald aufpassen." Ein Satz, der vielleicht etwas kühn klingt. Aber an diesem Abend in Chersonissos durfte man ihn ruhig glauben. 30.09.643987 19:28 |
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