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Wenn im legendären Estádio São Januário die Lichter angehen, erwartet man Leidenschaft, Tempo und diese unberechenbare brasilianische Magie. Am 16. Spieltag der 1. Liga Brasilien gab es tatsächlich Magie - allerdings einseitig: CF Flamengo zerlegte Gastgeber Vasco da Gama mit 4:0 (2:0) und ließ die 39.717 Zuschauer zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor schwanken. Schon nach sechs Minuten begann das Unheil. Afanasi Tscherepanow, Flamengos rechter Außenverteidiger mit dem Temperament eines Hurrikans, sprintete nach vorn, bekam den Ball von Hugo Custodio und drosch ihn aus zwanzig Metern in den Winkel. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Tscherepanow später, "aber der Ball hatte andere Pläne." Vasco-Torhüter Freddie MacQueen - erst 19 und an diesem Abend mit der Aura eines Mannes, der zu früh zu viel erlebt - konnte nur staunen. Flamengo blieb dran, als hätte jemand die Pausentaste für Vasco gedrückt. Mario Berjon, der zentrale Mittelfeldmotor der Gäste, dirigierte das Spiel mit der Präzision eines Konzertmeisters. In der 26. Minute belohnte er sich selbst: Nach feiner Vorarbeit von Benyamin Rieger traf er trocken zum 0:2. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur tanzen, sondern auch treffen können", sagte Berjon hinterher mit einem Augenzwinkern. Vasco hingegen wirkte, als hätte man die Taktiktafel in der Kabine vergessen. Kein einziger Torschuss aufs Tor - null. Trainer Patrick Kunz Gouveia raufte sich an der Seitenlinie das Haar (das verbliebene). "Wir wollten kompakt stehen", murmelte er nach dem Spiel, "aber offenbar haben meine Jungs das mit ’komplett stehen bleiben’ verwechselt." Noch bevor Vasco in der zweiten Halbzeit ins Spiel fand, wurde es schlimmer. In der 53. Minute kombinierte sich Flamengo über links nach vorn, Custodio legte ab, Berjon vollendete - 0:3. Das Publikum, bislang noch bemüht um Anfeuerung, applaudierte zynisch: "Immerhin trifft jemand", rief ein Fan sarkastisch. Als wäre das nicht genug, schwächte sich Vasco selbst. Joseph Cunningham, 17 Jahre jung und offenbar noch kein Meister der Impulskontrolle, sah erst Gelb (19.) und dann Gelb-Rot (54.). Die Szene passte zum Abend: ein übermotivierter Zweikampf, eine ungläubige Miene, ein Trainer, der nur noch lachte. "Ich wollte den Ball spielen", beteuerte Cunningham, "aber der Ball wollte nicht." Flamengo nahm das Geschenk dankend an und spielte die Schlussphase mit der Lässigkeit eines Teams, das genau weiß, dass nichts mehr passieren kann. Trainer Dino Ma nutzte die Gelegenheit, um die Jugend zu fördern: Der 18-jährige Caio Eusebio kam für den routinierten Daniel Keller - und schrieb gleich Geschichte. In der 83. Minute pflückte Mathias Gulbrandsen einen hohen Ball herunter, legte quer, und Eusebio schob eiskalt ein. 0:4, Debüttor, Jubeltraube. "Ich dachte, mein Herz bleibt stehen", strahlte der Teenager, "und dann sah ich, dass der Ball wirklich drin war." Statistisch war es ein Klassenunterschied: 24 Torschüsse zu null, 56 Prozent Ballbesitz für Flamengo, dazu eine Zweikampfquote von knapp 61 Prozent. Vasco stemmte sich tapfer, aber es war, als versuche jemand, mit einem Regenschirm einen Sturm aufzuhalten. Und doch gab es kleine Geschichten, die den Abend menschlich machten: Torwart MacQueen, der nach dem dritten Gegentor seinem Verteidiger Simon Adam aufmunternd auf den Rücken klopfte; Flamengo-Kapitän Fabio Barbosa, der in der 81. Minute Gelb sah und sich beim Schiedsrichter entschuldigte ("War keine Absicht, ehrlich!"); und Trainer Ma, der kurz vor Abpfiff seine Ersatzspieler zum Warmmachen schickte - obwohl keine Wechsel mehr möglich waren. Nach dem Schlusspfiff blieb Flamengo lange auf dem Rasen, um mit den mitgereisten Fans zu feiern. Vasco hingegen verschwand schnell in die Kabine. "Wir müssen das abhaken", sagte Kunz Gouveia, "und vielleicht das nächste Mal wenigstens einmal aufs Tor schießen." Ein 0:4, das sich wie ein kleiner Orkan anfühlte - und das Flamengo eindrucksvoll bestätigt: Diese Mannschaft spielt nicht nur Fußball. Sie choreografiert ihn. Vasco da Gama dagegen? Wird hoffen, dass die nächste Partie weniger Samba und mehr Struktur bringt. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen seufzte: "Früher hatten wir Helden. Heute haben wir Lehrlinge." Ein Satz, der an diesem Abend alles sagte. 11.07.643987 18:38 |
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