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47139 Zuschauer im Maracanã rieben sich am Sonntagabend verwundert die Augen. CF Flamengo hatte mehr Ballbesitz, mehr Chancen, mehr Schwung - und stand am Ende trotzdem mit leeren Händen da. Duque de Caxias, der Außenseiter aus der Vorstadt, entführte mit einem 3:2-Sieg drei Punkte aus dem Herzen Rios. Ein Spiel, das anfangs wie ein Schaulaufen der Gastgeber aussah, kippte am Ende ins Dramatische - und das auf die wohl schmerzhafteste Art für die "Rubronegro"-Fans: durch ein Last-Minute-Tor. Schon nach 13 Minuten zeigte Duque de Caxias, dass Taktiktrainer Jonny Joint seine Jungs nicht zum Tourismus nach Rio geschickt hatte. Ein schneller Flügellauf, eine scharfe Hereingabe, und Bram Voores, der fliegende Holländer auf der rechten Seite, versenkte den Ball trocken ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Voores später, "und gehofft, dass der Keeper noch nachdenkt." Torwart Marco Barbosa tat genau das - zu lange. Flamengo wirkte kurz geschockt, fand aber bald wieder seinen Rhythmus. Doch in der 30. Minute der nächste Dämpfer: Alessandro Mango de Aquino, ein Name so lang wie sein Sprint über den halben Platz, verwandelte nach Lupus-Pass eiskalt zum 0:2. "Da dachte ich, jetzt ist Samba vorbei", murmelte ein Fan auf der Tribüne und versuchte, seine Caipirinha nicht zu verschütten. Doch Flamengo wäre nicht Flamengo, wenn sie sich so einfach ergeben würden. In der 37. Minute schlug Vitorino Chalana zurück, nach feiner Vorarbeit von Mathias Gulbrandsen. Chalana, gerade mal 20 Jahre alt, drehte jubelnd ab, als hätte er gerade das WM-Finale entschieden. Nur drei Minuten später legte Benyamin Rieger nach - ein blitzsauberer Direktschuss nach Pass von Klaus Reiter. 2:2, und das Stadion bebte. Trainer Dino Ma rief über die Seitenlinie: "Jetzt seid ihr wach, Jungs?" Die zweite Halbzeit gehörte dann lange Flamengo. Sie drückten, spielten, passten - 56 Prozent Ballbesitz, 14 Torschüsse, aber keiner wollte mehr ins Netz. Vitorino Chalana hatte gleich dreimal die Führung auf dem Fuß (47., 49., 61.), doch scheiterte an Keeper Antip Samsonow, der seinen Namen zum Programm machte: unantastbar. Duque de Caxias dagegen blieb ruhig, lauerte auf Konter und hielt sich an Coach Joint’s Devise: "Geduld ist auch ein Angriff." In der 75. Minute wechselte er doppelt - Julian Coluna kam für den müden Mango de Aquino, Zbigniew Szymkowiak ersetzte Postiga. Frisches Blut, frische Beine. Und tatsächlich: In der Schlussphase begann Flamengo zu wackeln. Als die Anzeigetafel bereits die Nachspielzeit ankündigte und die meisten Zuschauer gedanklich schon beim nächsten Churrasco waren, schlug Duque de Caxias noch einmal zu. William Claes, der unermüdliche Linksaußen, bekam in der 90. Minute einen feinen Pass von Szymkowiak - und schob eiskalt zum 3:2 ein. Der Gästeblock explodierte, während das Maracanã kollektiv den Atem anhielt. "Ich hab einfach den Kopf ausgeschaltet", sagte Claes nach dem Spiel, "manchmal ist Denken im Fußball überbewertet." Trainer Joint nickte daneben zufrieden: "Wir wussten, dass wir nur eine Chance brauchen würden. Heute hatten wir drei - und haben sie genutzt." Ganz anders die Mienen bei Flamengo. Dino Ma rang sichtbar um Fassung: "Wir waren die klar bessere Mannschaft, aber Fußball ist eben kein Schönheitswettbewerb. Wenn’s einer wäre, hätten wir gewonnen." Kapitän Benyamin Rieger fand deutliche Worte: "So ein Spiel darfst du nie verlieren. Wir haben das Ding selbst hergeschenkt - und William hat’s angenommen wie ein Geschenkband." Statistisch könnte man Flamingos Niederlage fast nicht erklären. Mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote (52,5 Prozent) und fast doppelt so viele Abschlüsse. Aber während die Hausherren sich im Kombinationsspiel gefielen, blieb Duque de Caxias gnadenlos effizient. Drei Tore aus neun Torschüssen - das nennt man klinisch. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus - gemischt mit einem leisen Pfeifkonzert für die Abwehr. "Ein typischer Flamengo-Abend", seufzte ein älterer Anhänger beim Hinausgehen. "Erst Hoffnung, dann Drama, dann Herzklopfen. Und am Ende? Ein Caipirinha zu viel." Jonny Joint nahm den Sieg gelassen und gönnte sich in der Pressekonferenz ein Grinsen: "Wir sind vielleicht nicht die größeren Namen, aber heute waren wir die größeren Herzen." Und während die Reporter noch ihre Stifte spitzten, fügte er hinzu: "Ich hoffe, sie behalten uns jetzt auf dem Zettel - als das Team, das in Rio den Samba gestoppt hat." Ein bitterer Abend für Flamengo, ein grandioser für Duque de Caxias. Und wieder einmal der Beweis, dass Fußball keine Mathematik ist - sonst hätte Flamengo gewonnen. Aber wer will schon Gleichungen, wenn man stattdessen solche Geschichten bekommt? 26.05.643987 11:04 |
Sprücheklopfer
Die Holländer sind vorne vom Feinsten bestückt.
Oliver Kahn