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Rio de Janeiro - 45.791 Zuschauer im Maracanã sahen ein Fußballspiel, das anfangs nach einer leisen Samba klang und am Ende in ein Schlagzeugsolo voller Adrenalin mündete. CF Flamengo gewann am 30. Spieltag der 1. Liga Brasilien mit 3:1 gegen UD Santos - und das nach einem Rückstand, einer Roten Karte und drei Torschützen, die sich in die Herzen der Fans spielten. Schon früh deutete sich an, dass Flamengo an diesem lauen Januarabend nicht vorhatte, den Ball in den eigenen Reihen zu streicheln. 21 Torschüsse später wusste man: Sie hatten es ernst gemeint. Aber zunächst jubelten die Gäste. In der 30. Minute traf der 17-jährige Javier Moutinho für UD Santos - ein Debütant, der so unbekümmert aufspielte, als würde er auf dem Schulhof kicken. Sein Treffer nach einem feinen Zuspiel von Nelio Frechaut passte perfekt zur vorsichtigen, aber effektiven Kontertaktik von Trainerin Brasilia Santos. "Wir wollten Flamengo locken, und das hat bis zur Pause funktioniert", erklärte sie später mit einem Lächeln, das man als leicht schadenfroh deuten konnte. Tatsächlich führte Santos zur Halbzeit 1:0, obwohl Flamengo mehr vom Spiel hatte, mehr Chancen und deutlich mehr Nervosität im Publikum. In der Kabine muss Trainer Dino Ma die richtigen Worte gefunden haben. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr schon ständig auf das Tor ballert, dann bitte wenigstens einmal rein!", lachte der Coach nach dem Spiel. Gesagt, getan - kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, drehte sich das Spiel. In der 57. Minute traf Mathias Gulbrandsen, der rechte Mittelfeldläufer mit der Lunge eines Marathonläufers, nach Vorarbeit von Rechtsverteidiger Cesar Poncela. Der Ausgleich war verdient, der Jubel ohrenbetäubend. Kaum hatte man sich im Stadion wieder gesetzt, setzte der 19-jährige Bo Christiansen noch einen drauf: In der 70. Minute drosch er den Ball nach einer Ablage von Aki Ukkonen humorlos unter die Latte - 2:1. UD Santos, bis dahin taktisch diszipliniert, wirkte plötzlich wie aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Versuch, offensiver zu werden, blieb halbherzig. "Unsere Jungs waren nach dem Rückstand etwas zu brav", gestand Trainerin Santos später. "Vielleicht haben sie vergessen, dass man auch mal foulen darf." Flamengo hingegen roch den Sieg - und den dritten Treffer. Der kam spät, aber umso schöner: In der 88. Minute setzte sich der eingewechselte Caio Eusebio auf rechts durch, flankte scharf nach innen, und Hugo Custodio drückte den Ball aus vollem Lauf über die Linie. 3:1, Spiel entschieden, Stadion im Ausnahmezustand. "Ich hab den Ball nur gesehen und gedacht: Wenn ich jetzt danebenhaue, muss ich mir was Neues suchen", grinste Custodio später. "Zum Glück hab ich gut gezielt." Kurz darauf wurde es allerdings noch einmal hitzig: In der Nachspielzeit sah Vitorino Gomes die Rote Karte - ein übermotiviertes Einsteigen, das selbst in der Wiederholung weh tat. Trainer Ma kommentierte trocken: "Ich hab ihm gesagt, er soll aggressiv spielen, aber nicht wie ein Holzfäller." Statistisch war der Sieg klar: 21 Torschüsse zu 5, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, wenngleich der Ballbesitz mit 48 zu 52 Prozent leicht an Santos ging - ein Beweis, dass Ballbesitz ohne Risiko selten belohnt wird. Während Flamengo mit vollem Einsatz (und gelegentlicher Unordnung) spielte, blieb Santos zu lange abwartend. Ein besonderes Lob verdiente Flamengos Jungsturm: Christiansen, Eusebio und Ukkonen - drei Teenager, die das Spiel in der zweiten Halbzeit an sich rissen. "Das ist unsere Zukunft", sagte Trainer Dino Ma stolz. "Wenn sie so weitermachen, muss ich bald gar nichts mehr coachen." Am Ende blieb das Gefühl, dass hier nicht nur ein Spiel gewonnen, sondern ein Statement gesetzt wurde. Flamengo zeigte Moral, Tempo und Spielfreude - und UD Santos muss sich fragen, warum man nach 45 Minuten das Fußballspielen einstellte. "Wir haben zu früh geglaubt, wir hätten das Ding im Sack", meinte der junge Torschütze Moutinho selbstkritisch. "Aber Flamengo hat uns gezeigt, dass ein Spiel länger als eine Halbzeit dauert." Ein Satz, der hängen bleibt - und der vielleicht das Motto eines Abends war, an dem Flamengo nach Rückstand, Wechselorgien und einer späten roten Karte den Sieg erkämpfte. Schlusswort? Vielleicht dieses: Wer 21 Mal aufs Tor schießt, darf am Ende auch dreimal treffen. Und wer mit 19 Jahren trifft, darf ruhig mal träumen - vom Titel, vom Ruhm und vom nächsten großen Abend im Maracanã. 20.03.643990 10:40 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon