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Wenn man in Harburg am Dienstagabend aus Versehen ins Stadion statt in den Supermarkt ging, bekam man immerhin Unterhaltung geboten - allerdings eher aus Sicht der Gäste. FK Pirmasens gewann beim Harburger SC mit 3:1 und zeigte dabei, dass man auch in der Oberliga C durchaus gepflegten Ballzauber mit einem Schuss Frechheit verbinden kann. 3480 Zuschauer sahen, wie die Gäste mit jugendlicher Leichtigkeit und taktischem Selbstbewusstsein den Harburgern das Leben schwer machten. Schon nach 13 Minuten zappelte der Ball im Netz: Noah Specht, gerade einmal 20 Jahre alt, nahm einen Pass von Linksverteidiger Jan Körner volley - und während Harburgs Keeper Robin Fritsch noch nach seinem Kaffeebecher griff, war die Pille schon drin. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Fritsch später, halb lachend, halb konsterniert. Specht grinste nur: "Ich hab den Wind gerochen." Harburg schüttelte sich, kam aber kurz vor der Pause zurück. Maurice Rodriguez, der erfahrene Mittelfeldmotor, zog in der 43. Minute aus 18 Metern ab - und traf präzise ins linke Eck. Atilay Ates hatte den Ball zuvor clever abgelegt, und plötzlich glaubte man wieder an die Harburger Renaissance. "Da war kurz das Gefühl, dass wir das Spiel kippen können", sagte Rodriguez hinterher. Trainer - dessen Name in den Unterlagen erstaunlicherweise fehlt, aber wir nehmen an, er war nicht glücklich - rief von der Seitenlinie: "Mehr Mut, Männer!" Doch Mut allein half nicht gegen die Pirmasenser Präzision. Keine zwei Minuten nach Wiederanpfiff kam Müjdat Öztürk aufs Feld - und 120 Sekunden später schlenzte er den Ball zum 2:1 ins Netz. Eine Einwechslung mit Wirkung und der Beweis, dass Trainerin Gudrun Schweitzer offenbar hellseherische Fähigkeiten besitzt. "Das war natürlich geplant", meinte sie nach dem Spiel mit einem Zwinkern. "Ich habe ihm gesagt: ’Geh rein und mach gleich eines.’ Und er hat’s wörtlich genommen." Der Harburger SC versuchte danach, das Spiel zu beruhigen, aber die Statistik spricht Bände: 16 Torschüsse für Pirmasens, nur sechs für die Gastgeber. Der Ballbesitz war mit 51 zu 49 Prozent fast ausgeglichen, doch während Pirmasens die Kugel streichelte, schien Harburg sie eher mit spitzen Fingern anzufassen. In der 59. Minute machte Alex Coviello den Deckel drauf. Nach feinem Zuspiel von Kornej Babinow tauchte er frei vor Fritsch auf und schob lässig zum 3:1 ein. Der Jubel auf der Gästebank war ausgelassen, nur die Trainerin blieb gelassen: "Wir hätten sogar noch zwei machen müssen", sagte Schweitzer. "Aber die Jungs wollten wohl den Bus nicht verpassen." Die letzten 30 Minuten waren dann Lehrbuchfußball in Sachen Spielkontrolle - zumindest aus Sicht der Gäste. Harburg rannte, Pirmasens passte. Die Pirmasenser Taktik blieb bis zum Schlusspfiff offensiv, mit aktivem Pressing in den letzten Minuten, während Harburgs Formation unverändert "balanced" blieb - was in diesem Fall wohl "verzweifelt stabil" bedeutete. Kurz brannte es noch einmal, als Harburgs Innenverteidiger Moritz Hummel in der 78. Minute Gelb sah, nachdem er den flinken Öztürk unsanft stoppte. "Ich musste ihn ja irgendwie bremsen", gab Hummel zu, "der Junge war überall." Auf der Tribüne kommentierte ein älterer Fan trocken: "Früher hatten wir mal Stürmer, die auch getroffen haben." Sein Sitznachbar nickte und blätterte resigniert im Programmheft. Am Ende stand ein verdienter 3:1-Erfolg für den FK Pirmasens, der spielerisch und läuferisch die klar bessere Figur machte. Harburgs Chancen blieben spärlich, ihre sechs Torschüsse wirkten wie Pflichtübungen - mehr aus Verlegenheit denn aus Überzeugung. Rodriguez, der Torschütze der Gastgeber, fasste es ehrlich zusammen: "Wir haben’s versucht, aber die waren heute einfach besser. Und ehrlich gesagt - auch schneller, frischer, frecher." Trainerin Schweitzer, die sich über den dritten Sieg in Folge freute, brachte es charmant auf den Punkt: "Wir spielen derzeit so, wie man sich einen Dienstagabend wünscht - kurzweilig, mit Witz und drei Punkten." Und die Moral von der Geschicht’? Wer Pirmasens unterschätzt, der steht schnell da wie Harburg - mit einem schönen Ausgleich, aber ohne Ertrag. Ein Zuschauer rief beim Rausgehen: "Nächstes Mal machen wir’s anders!" - worauf sein Kumpel trocken antwortete: "Ja, wir kommen gar nicht mehr." So oder so: Pirmasens lacht, Harburg lernt, und die Oberliga hat wieder eine kleine Geschichte mehr über den charmanten Unterschied zwischen Mühe und Können. 14.06.643993 00:45 |
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