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Manchmal lügt die Statistik nicht. 28:2 Torschüsse sprechen eine Sprache, die selbst Goethe nicht blumiger hätte formulieren können. FK Pirmasens dominierte am 22. Spieltag der Oberliga C die Gäste von Lok Stendal nach Belieben und gewann am Ende völlig verdient mit 2:0 (1:0). Es hätte gut und gerne auch 5:0 heißen dürfen - oder 8:1, wenn man die Chancenverwertung der Gastgeber nicht in die Kategorie "freundlich zum Gegner" einsortieren müsste. Bereits nach vier Minuten donnerte Kornej Babinow den Ball erstmals Richtung Stendaler Tor. Es war der Beginn eines Abends, an dem Torhüter Alexander Esser vermutlich seine Handschuhe danach in die Waschmaschine werfen musste - so oft wie er sie im Einsatz hatte. In der 21. Minute war aber auch er machtlos: Innenverteidiger Tiago Gomes, der seinen Job normalerweise 30 Meter weiter hinten verrichtet, stieg nach einer Ecke von Dani Tabenkin am höchsten und köpfte wuchtig zum 1:0 ein. "Ich wollte eigentlich nur stören", grinste Gomes nach dem Spiel, "aber dann stand der Ball da so schön in der Luft - ich musste einfach." Lok Stendal hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Gelbe Karte auf dem Konto (Jannik Wurst, 12.) und genau einen Torschuss - Hans John versuchte es in Minute sieben aus spitzem Winkel. Mehr war’s im gesamten Spiel kaum. "Wir haben den Ball gesehen, aber selten gefühlt", kommentierte Stendals Mittelfeldmann Morten Aas trocken. Pirmasens dagegen spielte, als gäbe es für jeden Schuss auf das Tor einen Bonuspunkt. Dani Tabenkin, Alexander Satchmore, Nikolai Dotschew - sie alle reihten sich in die Liste der Versuchenden ein. Manchmal fehlte nur das berühmte Quäntchen Glück, manchmal war Esser einfach gut. "Wenn du 28 Mal schießt, musst du eigentlich drei machen", brummte Trainerin Gudrun Schweitzer, "aber zwei sind ja auch nicht verboten." Nach der Pause das gleiche Bild: Pirmasens im Vorwärtsgang, Stendal im Verteidigungsmodus. Archie MacAlister, der bis dahin überall zu finden war, wo der Ball rollte, machte in der 64. Minute den Deckel drauf. Nach erneutem Zuspiel von Dani Tabenkin zog er aus 18 Metern trocken ab - 2:0, das Stadion jubelte, 3482 Zuschauer klatschten sich warm. Kurz darauf durfte Tabenkin unter Applaus vom Feld, für ihn kam Müjdat Öztürk. "Ich hätte gern auch noch eins gemacht", sagte Tabenkin lachend, "aber Dani hat schon zwei Assists - das reicht ja für den Abend." Nebenbei erhielt Gomes (74.) noch eine Gelbe Karte, offenbar, weil er sich zu sehr freute oder zu heftig in den nächsten Zweikampf ging - die Meinungen gingen auseinander. Lok Stendal versuchte es in der Schlussphase halbherzig, blieb aber harmlos. Der zweite und letzte Torschuss kam in der 42. Minute von Aas - aus der Distanz, weit vorbei. "Wir müssen uns fragen, ob wir überhaupt wussten, wo das Tor steht", meinte Trainerin Schweitzer mit einem sarkastischen Lächeln, bevor sie hinzufügte: "Zum Glück wussten wir’s." In den letzten Minuten durfte der junge Noah Specht mehrfach zeigen, dass er weiß, wo das Tor ist - nur hinein wollte der Ball nicht. Drei Schüsse (84., 86., 89.), einer in der Nachspielzeit, aber Esser blieb tapfer. "Irgendwann dachte ich, der hat Magnete in den Handschuhen", meinte Specht später. Am Ende stand ein 2:0, das den Spielverlauf nur unzureichend abbildet, aber für Pirmasens drei Punkte bedeutet. Die Heimmannschaft hatte 51 Prozent Ballbesitz - also knapp mehr als die Hälfte - und gewann 59 Prozent der Zweikämpfe. Zahlen, die nüchtern wirken, aber in Wirklichkeit das Bild eines Spiels erzählen, das nur eine Richtung kannte. "Ich bin stolz auf die Jungs, aber ein bisschen mehr Kaltschnäuzigkeit wäre schön gewesen", bilanzierte Schweitzer mit einem Augenzwinkern. Lok-Trainer (der sich nach Abpfiff lieber hinter seiner Wasserflasche versteckte) soll gemurmelt haben: "Wenn du zwei Schüsse hast, ist es schwer, drei Tore zu machen." So blieb es bei einem klaren und verdienten Sieg des FK Pirmasens, der an diesem Abend alles richtig machte - außer vielleicht, das Ergebnis deutlicher zu gestalten. Aber wer so spielt, darf auch mal elegant verschwenderisch sein. Und irgendwo in der Kabine summte Tiago Gomes angeblich: "Ein Tor ist ein Tor - egal, ob du Stürmer bist oder Innenverteidiger." Seine Teamkollegen sollen geantwortet haben: "Dann mach halt nächste Woche wieder eins." 21.05.643993 22:28 |
Sprücheklopfer
Ich bin davon überzeugt, dass wir die, die nicht davon überzeugt sind, davon überzeugen werden.
Christian Ziege zur Skepsis vieler deutscher Fußballfans und -experten hinsichtlich des Abschneidens der DFB-Auswahl bei der WM 2002