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Manchmal schreibt der Fußball Drehbücher, die Hollywood ablehnen würde, weil sie zu absurd klingen. So ein Drehbuch erlebten am Freitagabend 39.316 Zuschauer an der Anfield Road, als der FC Sheffield die favorisierten Liverpool Reds mit 2:1 (0:0) bezwang - und das dank eines Doppelschlags in weniger als drei Minuten. Die erste Halbzeit war, sagen wir, ein Geduldsspiel. Die Reds, gewohnt offensiv eingestellt unter Trainer Kurt Kaiser, drückten, schoben, passten - und vergaben. Allein Ewan Burton feuerte in den ersten 20 Minuten drei Mal aufs Tor, doch Sheffields Keeper Ingvar Afzelius hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend ein Bewerbungsvideo für die isländische Nationalmannschaft zu drehen. "Ich hab’ einfach versucht, den Ball zu treffen - mit allem, was ich habe", grinste Afzelius später, während seine Handschuhe noch dampften. Sheffield, von Erich Speithvenne taktisch diszipliniert auf "ausgewogen" getrimmt, lauerte auf Konter. Doch schon nach zwölf Minuten musste Speithvenne umstellen: Jan Breska verletzte sich ohne Fremdeinwirkung, Pieter Vrooman kam ins Spiel - und brachte prompt Ruhe ins Mittelfeld. "Ich hab ihm gesagt: Spiel einfach wie beim Trainingsspiel. Nur dass 40.000 Leute zuschauen", witzelte der Coach danach. Zur Pause stand es 0:0, und das Publikum begann, in die Pappbecher zu seufzen. Liverpool hatte 12 Torschüsse, fast ausgeglichenen Ballbesitz (49:51), aber null Ertrag. Kaiser reagierte: Zur zweiten Halbzeit kam Matthias Van Hoost, der rechte Mittelfeldmotor, der gleich frischen Wind brachte. Dann kam die 53. Minute - und Christopher Finnan. Nach einem langen Ball von Linksverteidiger Harry Murray ließ Finnan Liverpools Abwehr alt aussehen, zog nach innen und traf trocken ins rechte Eck. 0:1 - Jubel im Gästeblock, betretenes Schweigen auf den Rängen. Doch kaum hatte man den Treffer auf der Anzeigetafel verarbeitet, antwortete Liverpool. Nur eine Minute später bediente Van Hoost den jungen Lucas Ward, der aus spitzem Winkel einnetzte. 1:1 - und Anfield tobte wieder. Ward, gerade 21, ballte die Fäuste: "Ich hab gar nicht nachgedacht. Einfach draufgehauen. Manchmal hilft’s." Doch der Fußballgott hatte an diesem Abend offenbar eine Vorliebe für Yorkshire. Nur 60 Sekunden nach dem Ausgleich war es erneut Finnan, diesmal nach Vorarbeit von Samuel Lithgow. Ein kurzer Haken, ein Schuss - 1:2. Drei Tore in drei Minuten, und die Reds standen da wie vom Blitz getroffen. "Das war wie eine Waschmaschine - rein, raus, alles durcheinander", sagte Verteidiger Ashton Young hinterher kopfschüttelnd. Ab da rannte Liverpool an, mit allem, was rot trug. Filipe Arias prüfte Afzelius aus der Distanz (64.), Van Hoost hatte gleich drei Gelegenheiten (75., 79., 84.), aber Sheffield verteidigte mit stoischer Ruhe. Nur Clément Melis ließ kurz die Nerven durchgehen - Gelb in der 66. Minute, nachdem er Arias etwas zu herzlich am Trikot festhielt. Auf der anderen Seite zückte Schiedsrichter McAllister in der Schlussphase noch zweimal Gelb gegen die Reds - Marcedusa (78.) und Kapitän Tristan Apers (82.) taten sich als Übereifrige hervor. Trainer Kaiser kommentierte trocken: "Wenn Leidenschaft Punkte gäbe, hätten wir heute gewonnen." In der 85. Minute brachte er den 19-jährigen Aki Hjelm für Apers, ein letztes Aufbäumen der Jugend. Doch auch Hjelm konnte das Bollwerk der Gäste nicht mehr knacken. Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die elf Männer in Blau, als hätten sie gerade die Liga gewonnen - was bei einem Sieg in Liverpool auch fast so ist. Statistisch war’s ein Duell auf Augenhöhe: 12:9 Schüsse, 49 zu 51 Prozent Ballbesitz, sogar die Zweikampfquote sprach leicht für die Reds (51:49). Aber wie sagte Speithvenne süffisant: "Statistiken sind was für Leute, die das Spiel nicht gesehen haben." Für Liverpool war es der dritte sieglose Heimauftritt in Serie - und die Fans verließen das Stadion mit jenem typisch britischen Murmeln zwischen Trotz und Hoffnung. Ein älterer Herr auf der Haupttribüne fasste es zusammen: "Wir hätten zehn Stunden spielen können - der Ball wäre trotzdem nicht reingegangen." Fazit: Der FC Sheffield entführt drei Punkte aus Liverpool, dank eines Mannes mit Torinstinkt und Nerven aus Stahl. Christopher Finnan, Doppeltorschütze und Matchwinner, lächelte bescheiden: "Zwei Chancen, zwei Tore - manchmal läuft’s halt." Und während die Reds sich fragen, wo die Effizienz geblieben ist, dürfte Sheffield den Heimweg mit einem Lied auf den Lippen antreten - natürlich keines, das wir hier zitieren dürfen. 11.07.643987 17:48 |
Sprücheklopfer
Bevor wir für einen Torwart 15 bis 20 Millionen Mark bezahlen, stelle ich mich selbst ins Tor.
Rainer Calmund