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Wenn 36.202 Zuschauer an einem lauen Januarabend auf Lanzarote ins Stadion strömen, dann riecht es nach Sonne, Meer - und nach einer ordentlichen Portion Dramatik. Und die bekamen sie: Lanzarote CF und CD Leon trennten sich in einem intensiven Schlagabtausch 2:2 (1:2). Ein Spiel, das mehr Wendungen hatte als eine Telenovela - und mehr Fehlpässe als ein Jugendturnier im Dauerregen. Schon nach elf Minuten war die sommerliche Entspannung dahin. Emiliano Ferrari, der Name klingt nach Rennwagen und spielte auch so, schob nach Vorlage von Emanuele Manca eiskalt zum 0:1 ein. Lanzarotes Torwart Xabier Xuarez war noch beim Abflug in Richtung Atlantik, als der Ball die Linie schon überquert hatte. "Ich dachte, er schießt in die andere Ecke", murmelte Xuarez später und grinste schief. Doch die Gastgeber antworteten prompt. In der 17. Minute war es Enrique Penas, der nach feinem Zuspiel des jungen Cesar Roy das 1:1 markierte. Roy, der zu diesem Zeitpunkt schon eine Gelbe Karte und vermutlich auch den Ärger seines Trainers in der Tasche hatte, feierte ausgelassen mit den Fans. "Ich wollte’s wieder gutmachen", sagte der 20-Jährige danach, "und vielleicht hat der Schiri ja auch gemerkt, dass ich eigentlich ganz lieb bin." CD Leon zeigte sich davon unbeeindruckt. Die Nordspanier, von Trainer Torsten Hoppe mit klar offensiver Marschroute ("Wir schießen, wann immer wir Lust haben") eingestellt, legten in der 35. Minute nach. Knut Fostervold köpfte nach einer butterweichen Flanke von - wieder - Manca zum 1:2 ein. Lanzarote wackelte, die Abwehrspieler wirkten, als hätten sie sich gerade auf einer Bootsfahrt kennengelernt. Trainer Meister Leverkusen, ein Mann mit dem passenden Namen für taktische Geduld, blieb dennoch ruhig. "Wir sind eine Mannschaft, die spät aufwacht", erklärte er in der Pause. Und tatsächlich: In der zweiten Hälfte übernahm Lanzarote das Kommando. 57 Prozent Ballbesitz, neun Torschüsse, ein Crescendo aus Druck und Verzweiflung. CD Leon verteidigte tief, was bei Hoppe ungefähr so beliebt war wie Diätwasser beim Grillfest. Die 67. Minute brachte endlich die Erlösung: Marcio Galisteo, bisher kaum zu sehen, verwandelte eine Vorlage von Wsewolod Nikitin zum 2:2. Ein Treffer, der die Tribünen erbeben ließ. "Ich hab einfach draufgehalten", meinte Galisteo hinterher, "und gehofft, dass der Ball nicht auf dem Parkplatz landet." Danach brannte das Stadion - im übertragenen Sinn. Lanzarote drückte, Leon konterte. Patrik Taube holte sich in der 68. Minute noch Gelb ab, vermutlich aus Frust über die ständigen Angriffe. Ferrari, der Held der Anfangsphase, rannte sich müde, während Lanzarotes Jake Miller und Bernardo Rielo noch aus allen Lagen feuerten. Doch der Ball wollte nicht mehr rein. CD Leons Schlussmann Adriano Custodio war der Turm in der Brandung. In der 89. Minute fischte er einen Nikitin-Kracher aus dem Winkel und klatschte danach in die Hände, als hätte er gerade ein Souvenir gefangen. "Ich hab heute mehr geschwitzt als in der gesamten Vorsaison", scherzte der Keeper nach Abpfiff. Statistisch war Lanzarote das etwas aktivere Team, aber Leons Effizienz sorgte für das gerechte Remis. 9:8 Schüsse aufs Tor, 57 zu 43 Prozent Ballbesitz - Zahlen, die das Gefühl bestätigen: keiner war wirklich besser, beide waren einfach nicht schlechter. Nach dem Schlusspfiff umarmten sich die Trainer kurz. Hoppe grinste: "Wenn man zwei Tore auswärts schießt, sollte man eigentlich gewinnen." Leverkusen konterte trocken: "Dann hätten Sie drei schießen müssen." Während die Fans noch sangen und die Sonne langsam hinter dem Atlantik verschwand, blieb ein Eindruck hängen: Lanzarote hat Moral, Leon hat Mut - und beide haben offenbar keine Lust auf Langeweile. Ein 2:2, das keiner als Punktverlust empfand, sondern als Beweis, dass Fußball auf dieser Insel mehr ist als ein Spiel. Es ist eine kleine, hitzige Liebeserklärung ans Unberechenbare. Oder, wie der Stadionsprecher beim Abgang ins Mikro rief: "So spielt man Unentschieden mit Stil!" Und das tat an diesem Abend wirklich niemand besser. 18.06.643987 20:05 |
Sprücheklopfer
Wir spielen am Besten, wenn der Gegner nicht da ist.
Otto Rehhagel