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Manchmal dauert der Berliner Abend ein bisschen länger. Am Sonnabend um 22 Uhr 02 rutschte das Flutlichtstadion an der Wuhlheide noch einmal kollektiv vom Sitz, als Marco Ferrer in der 87. Minute den Ball über die Linie drückte und Dynamo Berlin mit 1:0 gegen den VfB Sangerhausen siegte. 3070 Zuschauer atmeten auf - die einen erleichtert, die anderen frustriert, alle ein wenig erschöpft. Dabei hatte es fast den ganzen Abend so ausgesehen, als würde Dynamo das Tor mit einem Bann belegt haben. 22 Torschüsse zählten die Statistiker, und doch stand es bis kurz vor Schluss 0:0. Raphael Fuchs schoss schon in Minute eins drauflos, als wolle er das Spiel im Alleingang entscheiden, und wiederholte dieses Vorhaben in den Minuten zwei, fünf, acht, dreizehn, zweiundzwanzig, dreiundfünfzig, vierundsiebzig und sechsundachtzig. Das Publikum zählte irgendwann lauter mit als der Stadionsprecher. "Ich hab irgendwann gedacht, wir brauchen vielleicht einen Exorzisten, keinen Stürmer", grinste Trainer Tim Ancelotti nach dem Spiel. "Aber dann kam der Ferrer." Der erst 19-jährige Linksaußen Ferrer hatte zuvor schon mehrfach an Gästetorwart Tom Anders verzweifelt, doch in der 87. Minute nahm er einen Pass von Marco Talarico an, drehte sich blitzartig - und schlenzte das Leder ins lange Eck. Ein Treffer, der so elegant aussah, dass selbst die Ersatzspieler kurz klatschten, bevor sie realisierten, dass sie aufspringen und jubeln sollten. Sangerhausen hatte defensiv ordentlich gearbeitet, auch wenn es früh Gelb hagelte: Innenverteidiger Jannick Walther sah in der vierten Minute die erste Verwarnung, später folgten Kurt Freitag (49.) und auf der Gegenseite David Fontàs (16.), Deniz Sancakli (19.) sowie Andreas Gebhardt (38.). "Verbandsliga oder Gelbsünderliga - das verschwimmt an so einem Abend", kommentierte ein Fan trocken vom Zaun. Taktisch war es ein Abend der Beharrlichkeit. Beide Teams begannen offensiv ausgerichtet, aber während Dynamo nach der Pause noch eine Schippe drauflegte, ließ der VfB nach vorn die zündende Idee vermissen. Sechs Torschüsse - alle mit eher touristischem Charakter, wie man in der Hauptstadt sagt. Besonders Ivica Krasic mühte sich redlich, scheiterte aber dreimal an Dynamos jungem Keeper Matej Moder, der mit 18 Jahren schon die Ruhe eines Parkverwalters ausstrahlt. In der 83. Minute musste Sangerhausen dann auch noch Linksverteidiger Tobias Berg verletzt vom Feld nehmen. Trainer Jens Hollstein (der sich im offiziellen Bericht wohlweislich hinter der Datenbank versteckt hielt) brachte Jonas Ludwig, der prompt Ferrer beim Siegtreffer aus den Augen verlor. "Ich hab ihn kurz gesehen - dann war er weg. Wie ein Phantom", murmelte Ludwig später in der Mixed Zone, während er sich Eis auf den Oberschenkel presste. Ancelotti nutzte seine Wechsel klug: Sancakli, Fontàs und Gebhardt gingen früh, um Platz für frischen Elan zu schaffen. Der eingewechselte Callum Ashton prüfte in der Nachspielzeit noch einmal den Fangzaun hinter dem Tor, als er aus 20 Metern drüberzog - der Ball flog vermutlich noch immer über Lichtenberg, während die Fans längst feierten. Statistisch hatte Dynamo mit 52 Prozent Ballbesitz und 56 Prozent gewonnener Zweikämpfe leichte Vorteile - gefühlt aber war es ein Spiel mit 90 Prozent Herzblut. "Wir wollten einfach nicht aufhören zu rennen", sagte Ferrer, der von seinen Teamkollegen nach dem Schlusspfiff kurzerhand in die Luft geworfen wurde. "Ich hab beim Landen fast meinen Schuh verloren - aber das wär’s wert gewesen." Und Sangerhausen? Die Sachsen-Anhalter verabschiedeten sich mit hängenden Köpfen, aber nicht ohne Ironie. "Wir haben Berlin fast 87 Minuten lang in Schach gehalten", meinte Kapitän Krasic. "Nur leider dauert so ein Spiel 90." So blieb am Ende ein spätes, aber verdientes 1:0 für Dynamo Berlin - ein Sieg der Ausdauer, der Geduld und vielleicht auch des jugendlichen Übermuts. In der Kabine, so war zu hören, stimmte jemand ein Lied über Berliner Nächte an, das nicht zitiert werden darf, aber allen klar machte: Diese jungen Dynamo-Kicker schlafen heute bestimmt nicht vor Mitternacht. Ein bisschen Wahnsinn gehört eben dazu. 03.05.643987 07:53 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler