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An einem kalten Januarabend, an dem mancher Zuschauer wohl nur wegen des Glühweins blieb, verwandelte der FC Höchst das Liga-Pokal-Viertelfinale in ein Offensivschaulaufen. 12.060 Fans sahen im heimischen Stadion ein 6:3 (1:1) gegen den SV Hallwang - ein Ergebnis, das so wild klingt, wie das Spiel tatsächlich war. Schon nach zehn Minuten war der Ton gesetzt: Tiago Morte, der Mann mit dem eleganten Namen und dem linken Fuß wie ein Skalpell, traf nach feinem Zuspiel von Lajos Kocsis zum 1:0. "Ich hab’ ihn einfach gespürt, den Moment", grinste Morte später, als wäre das Tor eine Eingebung gewesen. Doch Hallwang zeigte, dass sie nicht nur Statisten waren. Kurz vor der Pause, in der 41. Minute, drosch Paulo Bermudez den Ball nach Vorarbeit von Timotheos Argyros humorlos ins Netz - 1:1, und Trainer Mario Kasztner winkte an der Seitenlinie mit einer Mischung aus Genervtheit und Hoffnung: "Da war mehr drin, viel mehr", sagte er später und nickte dabei, als wollte er sich selbst überzeugen. Der zweite Durchgang begann dann wie eine Oper, in der Höchst alle Arien singen durfte. Erst traf Michael Kopp in der 50. Minute nach Doppelpass mit Adriano Ramallo, dann erhöhte Abwehrturm Ashton Giles nur vier Minuten später per Kopf auf 3:1. "Ich sag’s euch, ich wollte eigentlich nur klären", lachte Giles in der Mixed Zone, während Tiago Morte im Hintergrund ein Grinsen kaum verbergen konnte. Doch kaum hatte der Stadionsprecher das 3:1 verkündet, verkürzte Hallwang durch Bernt Kluge (55.) - Innenverteidiger, aber offenbar mit Stürmerträumen. Es blieb nur ein kurzes Aufflackern, denn zehn Minuten später war wieder Morte an der Reihe: sein zweites Tor, sein zweiter Streich, wieder vorbereitet von Ramallo. 4:2, und das Publikum begann, sich warmzujubeln. Hallwangs Christian Lefebvre (63.) brachte mit dem 4:3 noch einmal Spannung zurück - ein schöner Treffer nach Pass des jungen Leon Link, der mit 17 Jahren so aussah, als hätte er versehentlich in einem Viertelfinale debütiert. Doch was Hoffnung versprach, wurde binnen Sekunden zerschmettert: nur 18 Minuten später traf Peter Sommer (81.) nach Vorlage von Dauerläufer Adam Malfoy - 5:3. Und weil’s so schön war, legte Dmitri Makarow (82.) nach, bedient von Morte, der jetzt endgültig alle Fäden in der Hand hatte. Trainer Ronnie Ekström fasste das Ganze später trocken zusammen: "Wenn du sechs Tore schießt, darfst du dich über drei Gegentore nicht beschweren - aber ich tu’s trotzdem." Seine Mannschaft hatte 21 Torschüsse, 52 Prozent Ballbesitz und spielte phasenweise so, als wollten sie die Statistikabteilung in den Wahnsinn treiben. Hallwang kam auf sieben Abschlüsse - drei davon drin. Effizienz trifft auf Feuerwerk, könnte man sagen. Besonders auffällig: Adam Malfoy, der rechte Flügelstürmer, der sich zwar in die Torschützenliste nicht eintrug, aber an jeder gefährlichen Aktion beteiligt schien. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wem ich den Ball aufgelegt hab", witzelte er nach dem Spiel. Auf der Gegenseite stand Hallwangs Keeper Slobodan Komljenovic mehrfach im Auge des Sturms. Nach dem sechsten Gegentor wirkte er, als überlege er, ob er den Ball nicht einfach behalten sollte. "Wenn du sechs Stück kriegst, fühlst du dich wie ein Museumswärter mit zu vielen Gemälden - du kannst nicht alle retten", sagte er mit Galgenhumor. Die Zuschauer bekamen jedenfalls ihr Geld und ihren Glühweinwert. Die Höchster Fans sangen sich die Kehlen heiser, während Hallwangs Anhang tapfer applaudierte - immerhin hatten ihre Jungs offensiv mehr gezeigt als man bei drei Gegentoren in 30 Minuten erwarten konnte. Und irgendwo, tief in den Katakomben, soll man Trainer Ekström murmeln gehört haben: "Offensiv war das Weltklasse, defensiv ein Abenteuerurlaub." So oder so: Der FC Höchst steht nach diesem 6:3 im Halbfinale des Liga-Pokals. Und wer diesen Abend gesehen hat, weiß: Wenn Ekström’s Offensivmaschine weiter so läuft, braucht man künftig im Stadion keinen Heizstrahler mehr - nur starke Nerven und einen Ersatz-Kugelschreiber für den Torreporter. 12.10.643987 05:42 |
Sprücheklopfer
Bevor wir für einen Torwart 15 bis 20 Millionen Mark bezahlen, stelle ich mich selbst ins Tor.
Rainer Calmund