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Wenn ein Fußballspiel zur Lehrstunde wird, dann war es wohl dieser Freitagabend in Klagenfurt: Der SV Kärnten empfing den FC Höchst - und bekam eine Abreibung, die selbst die härtesten Fans im Wörthersee-Stadion sprachlos zurückließ. 0:5 hieß es am Ende, ein Ergebnis, das noch gnädig wirkte, wenn man sich die Zahlen ansah: 1:22 Torschüsse, 42 Prozent Ballbesitz für Kärnten, und ein Publikum von 12.500, das sich spätestens nach dem dritten Gegentreffer fragte, ob man nicht lieber auf den Christkindlmarkt hätte gehen sollen. Schon die Anfangsphase zeigte, wo die Reise hingehen würde. Höchst startete offensiv, bissig, fast übermütig. Nach 17 Minuten klingelte es zum ersten Mal: Nevio Hartung traf, nachdem Dmitri Makarow von links eine butterweiche Flanke in den Strafraum segeln ließ. "Ich hab nur die Augen zugemacht und gehofft, dass mich keiner trifft", grinste Hartung nach dem Spiel. Es traf ihn keiner - dafür der Ball die Unterkante der Latte und dann das Tornetz. Kärnten wirkte konsterniert, suchte den eigenen Rhythmus, fand aber nur den gegnerischen Strafraum als verbotene Zone. Trainer Müller - der Name klang an diesem Abend wie ein Synonym für Ratlosigkeit - schrie an der Seitenlinie so laut, dass selbst die Ersatzspieler von Höchst kurz zusammenzuckten. "Wir wollten offensiv spielen", erklärte er später mit einem müden Lächeln, "aber irgendwie war der Ball immer woanders." Höchst dagegen spielte, als hätten sie in der Kabine Red Bull intravenös bekommen. Peter Sommer erhöhte in der 52. Minute nach einem präzisen Pass von Filippo Platania auf 2:0. Drei Minuten später legte Robert Bossong nach - wieder war Makarow der Vorlagengeber. Man konnte fast Mitleid mit Kärntens Torhüter Davib Kilbane haben, der bei jedem Treffer die Arme hob, als wolle er sagen: "Leute, ich bin doch auch nur ein Mensch." In der 76. Minute durfte dann auch Michael Kopp jubeln, nachdem Jakob Feldmann von rechts eine Flanke in den Rückraum legte. Der Schuss? Trocken, flach, unhaltbar. "Ich wusste gar nicht, dass ich so schießen kann", witzelte Kopp nach dem Spiel, während Trainer Ronnie Ekström am Spielfeldrand sein Team wie ein stolzer Vater abklatschte. Und weil fünf einfach schöner klingt als vier, setzte Platania in der Nachspielzeit (96.) den Schlusspunkt. Nach Doppelpass mit Kopp zirkelte er den Ball ins lange Eck - ein Treffer zum Zungeschnalzen. "Da hab ich mir gedacht: Jetzt ist’s auch egal", lachte Platania. Kärnten hatte genau eine nennenswerte Szene in der 93. Minute, als Isaac Marshal tatsächlich aufs Tor schoss. Der Ball ging zwar in Richtung Eckfahne, aber immerhin: ein Versuch. Die Fans quittierten es mit ironischem Applaus. Selbst die Statistik sprach Bände: Während Höchst 22 Mal aufs Tor feuerte, schaffte Kärnten ganze einen Versuch. Der Ballbesitz von 42 Prozent für die Hausherren fühlte sich an wie ein statistisches Trostpflaster. Und die Zweikampfquote von 41,7 Prozent? Nun ja - auch das ist eine Zahl, aber keine, die man sich einrahmen möchte. Nach dem Spiel wirkte Ekström fast verlegen über den Kantersieg. "Wir hatten heute einfach Spaß am Fußball", sagte er und grinste, "und wenn man Spaß hat, vergisst man manchmal, wie hoch es steht." Sein Gegenüber Müller hingegen wollte lieber nicht über das Ergebnis sprechen: "Wir sind in einer schwierigen Phase. Aber irgendwann müssen die Jungs auch mal merken, dass man Tore nur schießen kann, wenn man den Ball trifft." Auf der Tribüne verließen viele Kärntner Fans schon nach dem vierten Gegentor das Stadion - angeblich, um "den Verkehr zu vermeiden". Ein älterer Herr fasste das Geschehen auf dem Weg zum Ausgang trocken zusammen: "Früher hatten wir wenigstens Kampfgeist. Heute haben wir nur noch Hoffnung." Ein Spiel, das in den Geschichtsbüchern stehen wird - zumindest in denen des FC Höchst. Für Kärnten bleibt die Erkenntnis: Auch Offensive kann defensiv wirken, wenn der Gegner einfach alles besser macht. Und für alle neutralen Beobachter war es ein Abend, an dem man lernte: Fußball kann grausam sein - aber manchmal ist er einfach nur schön, wenn man ihn aus Höchster Sicht betrachtet. 20.12.643987 18:45 |
Sprücheklopfer
Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller