// Startseite
| Marca |
| +++ Sportzeitung für Spanien +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende, an denen das Meer rauscht, der Wind warm über die Tribünen zieht - und 43.055 Zuschauer auf Lanzarote sich fragen, ob ihre Mannschaft irgendwann mal wieder ein Tor schießt. 81 Minuten lang sah es nicht danach aus. Und dann kam Jaime Farinos, ein Innenverteidiger mit dem Selbstverständnis eines Mittelstürmers, und brachte das Estadio de los Volcanes zum Beben. 1:0 gegen Santa Eulalia, ein Arbeitssieg, ein Nervenstück, ein Spiel, das man in der Statistik als "ausgeglichen" verbucht, aber im Herzen als Befreiung. Trainer Meister Leverkusen, der Mann mit dem vermutlich ironischsten Namen im spanischen Profifußball, grinste nach Schlusspfiff: "Wir haben geduldig gewartet. Und dann hat Jaime beschlossen, dass es reicht." Dabei hatte Lanzarote CF keineswegs die volle Kontrolle. 51 Prozent Ballbesitz sprechen knapp für die Hausherren, doch Santa Eulalia schoss öfter aufs Tor - elfmal, während Lanzarote auf neun Versuche kam. Es war also kein Feuerwerk, sondern eher ein zähes Ringen um Zentimeter und Sekunden. Schon in der dritten Minute versuchte Rechtsverteidiger Rafael Estevo, der offenbar vergessen hatte, dass er kein Flügelstürmer ist, aus der Distanz sein Glück. Der Ball flog auf direktem Weg in die Fangnetze - allerdings in die hinter dem Tor. "Ich wollte zeigen, dass wir wach sind", sagte Estevo später mit einem Schulterzucken. Santa Eulalia antwortete mit einem forschen Auftritt ihres bulligen Mittelstürmers Josef Bischara, der in der zehnten Minute Lanzarotes Keeper Vincent Maurice zu einer Glanzparade zwang. "Ich habe kurz gedacht, der Ball sei schon drin", gab Bischara zu. "Aber dann kam dieser Torwart aus dem Nichts." Die erste Halbzeit verlief wie eine gepflegte Partie Schach - nur dass beide Seiten selten die Dame ins Spiel brachten. Lanzarote lauerte auf Konter, Santa Eulalia hielt hinten alles dicht. 0:0 zur Pause, und auf den Rängen machte sich eine Mischung aus Ungeduld und Bierdurst breit. Zur zweiten Halbzeit wechselte Leverkusen gleich dreifach: Vuk kam für Vazques, Penas für Young, Van Keuren für Tiago. Ein Signal, dass Bewegung ins Spiel sollte - oder wenigstens frische Beine. Auf der Gegenseite brachte Dede Dedede (ja, so heißt der Mann wirklich) den jungen Piergiorgio Degano für den müden Routinier Cesc Bermudo. In der Folge drehte Santa Eulalia auf, kam zu Chancen durch Martin Gil und Joseba Aznar, die aber allesamt an Maurice oder am eigenen Nervenkostüm scheiterten. Als Tomislav Budan in der 70. Minute die Gelbe Karte sah, war klar: die Gäste wollten jetzt mit allen Mitteln das Tor erzwingen. Lanzarote reagierte - mit Gelb für Estevo acht Minuten später. Und dann, die 82. Minute: Eckball von der rechten Seite, getreten von Freddie O’Shea. Der Ball segelt butterweich in den Strafraum, und Jaime Farinos, sonst eher für rustikale Grätschen zuständig, steigt höher als alle anderen. Kopfball, wuchtig, unhaltbar. 1:0. Stadionexplosion. Farinos rannte jubelnd Richtung Eckfahne, wo er O’Shea fast umwarf. "Freddie hat gesagt, ich soll einfach mal treffen", grinste der Torschütze später. "Na gut, hab ich gemacht." Santa Eulalia versuchte es noch einmal mit wütenden Angriffen, doch Lanzarote verteidigte mit allem, was da war - inklusive der Ersatzbank. In der Nachspielzeit brüllte Coach Leverkusen so laut, dass sogar die Möwen kurz innehielten. "Pressing? Nein, lieber Beten!", soll er seinen Assistenten zugerufen haben. Nach dem Abpfiff klatschten 43.000 Menschen im Stehen, als hätten sie gerade ein Finale gewonnen. Und irgendwie fühlte es sich auch so an. "Wir haben bewiesen, dass Geduld manchmal schöner ist als Spektakel", meinte Leverkusen, während er versuchte, seine Stimme gegen die Stadionlautsprecher zu behaupten. Santa Eulalias Trainer Dede Dedede hingegen wirkte gefasst: "Wir waren stabil, aber Fußball ist manchmal unfair. Ein Kopfball, und du stehst da wie der Depp." In der Statistik bleibt alles eng: 9 zu 11 Schüsse, 51 zu 49 Prozent Ballbesitz, Zweikampfquote leicht zugunsten der Gäste. Aber am Ende zählt das, was auf der Anzeigetafel steht - und die zeigte an diesem Abend: Lanzarote CF 1, Santa Eulalia 0. Vielleicht war es kein Spiel für Fußballästheten, aber eines für Romantiker. Denn in Zeiten des Ballbesitzwahns reicht manchmal ein einziger Moment, ein einziger Kopfball, um die Sonne wieder aufgehen zu lassen - selbst nachts auf Lanzarote. Oder, um es mit den Worten von Torschütze Farinos zu sagen: "Manchmal muss man einfach nur den Kopf hinhalten." 11.08.643993 02:06 |
Sprücheklopfer
Vieles was darin geschrieben wurde, ist auch wahr.
Werner Lorant über sein Buch 'Eine beinharte Story'