// Startseite
| Noticiero VeneVision |
| +++ Sportzeitung für Venezuela +++ |
|
|
|
Ein lauer Abend in Venezuela, 37.717 Zuschauer im Estadio Roha, und eine Heimelf, die von Beginn an auf Angriff gebürstet war - wenigstens, wenn man die Statistik glaubt. 16 Torschüsse zu null, 51 Prozent Ballbesitz, 61 Prozent gewonnene Zweikämpfe: Estella Roha hatte alles, was nach Dominanz klingt. Nur eines fehlte lange - ein Tor. Trainer Christian Jonack raufte sich an der Seitenlinie die Haare, während sein Gegenüber Stephan Magiera von Lladeros Guanare stoisch in die Abendsonne blinzelte und hoffte, dass der Ball vielleicht doch irgendwann mal zufällig die Mittellinie überquert. Die erste Halbzeit war ein Lehrstück in vergeblicher Mühe. Francisco Bernal, Estellas bulliger Mittelstürmer, drosch alles in Richtung Tor, was irgendwie nach Leder aussah. Mal rechts vorbei, mal links, mal mitten auf den Torwart. "Ich hab’s versucht, ehrlich", grinste Bernal später. "Aber der Ball hatte seinen eigenen Willen." Noe Coelho, gerade einmal 19 und offenbar ohne Respekt vor irgendwem, tänzelte über den linken Flügel, als spiele er gegen seine kleinen Cousins im Garten, nur dass seine Flanken meistens auf den Köpfen der Verteidiger von Guanare landeten. Dabei war das Spiel gar nicht schlecht, nur die Effizienz fehlte. "Wenn wir 0:0 in die Pause gehen, ist das schon fast ein Wunder", murmelte ein Zuschauer in der Halbzeitpause, während er seine Empanada mit demonstrativer Langsamkeit kaute. Und tatsächlich: Estella Roha spielte, Guanare verteidigte - und zwar mit allem, was Beine hatte. Mehr als ein einziger Vorstoß gelang den Gästen aber nicht, und Torhüter Diego Goncalves verbrachte die ersten 45 Minuten damit, sich an seinem Pfosten zu lehnen und gelegentlich auf die Uhr zu schauen. Christian Jonack reagierte in der Pause nicht mit Wechseln, sondern mit einem trockenen Spruch: "Macht’s einfach rein, Jungs." Und siehe da - ab der 70. Minute folgte die Erlösung. Ricardo Zabaleta, bis dahin der unauffällige Arbeiter auf der rechten Seite, fasste sich ein Herz, dribbelte an zwei Mann vorbei und legte mustergültig in den Strafraum. Bernal stand, natürlich, goldrichtig. 1:0 in der 71. Minute. Das Stadion explodierte, Bernal riss die Arme hoch und rief angeblich: "Endlich!" - was man ihm nach 71 Minuten Dauerbelagerung nicht verdenken konnte. Kaum hatten sich die Gäste sortiert, zappelte der Ball schon wieder im Netz. Zwei Minuten später bediente Zabaleta diesmal den jungen Coelho, der frech mit der Innenseite ins lange Eck schlenzte. 2:0, 73. Minute. Die Zuschauer sangen, die Ersatzspieler sprangen sich in die Arme, und Trainer Jonack grinste wie jemand, der endlich die Antwort auf eine besonders knifflige Matheaufgabe gefunden hat. "Ich hab gewusst, dass Noe das kann", sagte er später. "Er ist jung, schnell, und er denkt nicht zu viel nach - das hilft im Fußball." Von Lladeros Guanare kam - nun ja - nichts. Kein einziger Torschuss, nicht einmal ein Versuch, Goncalves zu prüfen. Ihr gefährlichster Moment war eine Gelbe Karte für Vitor Benitez in der 90. Minute, vermutlich aus Frustration darüber, dass der Ball ihn die ganze Zeit mied. Trainer Magiera blieb trotzdem gelassen: "Wir wollten kompakt stehen. Das ist uns gelungen. Leider etwas zu kompakt." Zum Schluss wurde es fast gemütlich. Die Roha-Fans sangen sich in einen Rausch, die Spieler schoben sich den Ball zu, als wollten sie die Uhr austricksen. Nur Innenverteidiger Vincent Semedo holte sich in Minute 66 noch Gelb ab - eine Art Souvenir für ein Spiel, das er sonst im Griff hatte. So endet ein Abend, der statistisch eindeutig war, sich aber lange wie eine Zitterpartie anfühlte. Estella Roha bleibt mit diesem 2:0 im Soll, während Lladeros Guanare wohl noch Tage brauchen wird, um die Mittellinie wiederzufinden. Oder, wie es Bernal später mit einem Augenzwinkern sagte: "Manchmal dauert’s eben 70 Minuten, bis der Ball merkt, wo er hingehört." Und das Publikum nickte - denn am Ende zählt nur, dass er es zweimal tat. 25.04.643990 01:24 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack