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51442 Zuschauer hatten sich im Eschborner Stadion versammelt, um einen dieser seltenen europäischen Abende zu erleben, an denen die Flutlichtmasten ein wenig heller leuchten und der Rasen fast nach großer Bühne riecht. Am Ende jubelte allerdings der Gast: Der FC Millwall entführte mit einem 2:1-Auswärtssieg die Punkte aus Hessen - abgebrüht, robust und mit einem zentralen Mittelfeldspieler in Torlaune. Von der ersten Minute an versuchte Eschborn, die Initiative zu übernehmen. Trainer Yas Sin hatte seine Elf offensiv eingestellt, die Formation schob hoch, der Ball lief ordentlich. Schon in der 13. Minute prüfte Bernt Geier den englischen Keeper Ethan Caviness mit einem satten Schuss - der erste Warnschuss, wie Sin später schmunzelnd meinte: "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur zum Trikottauschen da sind." Doch die Gäste aus London blieben unbeeindruckt. Physisch, zweikampfstark und mit einer Prise britischer Direktheit suchten sie den Weg nach vorne. In der 25. Minute setzte sich Linksverteidiger James Thuringer auf seiner Seite durch, flankte halbhoch in den Rückraum, und Riley Charpentier nahm das Leder mit der Ruhe eines Mannes, der schon wusste, dass er gleich treffen würde. 0:1 - eiskalt, wie ein englischer Winterregen. Eschborns Antwort ließ auf sich warten, obwohl die Gastgeber bis zur Pause nicht nachließen. Acht Torschüsse insgesamt, viele davon in der ersten halben Stunde - aber das Runde wollte einfach nicht ins Eckige. Die Zuschauer murmelten, der Stadionsprecher brüllte Durchhalteparolen, und Coach Sin hämmerte mit der Faust auf die Coachingzone, als Jacob Holz in der 28. Minute Millwalls Keeper erneut zu einer Parade zwang. Nach der Pause kam Eschborn druckvoll zurück. In der 49. Minute endlich der Lohn: Tomasz Buchholz, der quirligste Eschborner auf dem Feld, verwertete einen Abpraller nach einer missglückten Abwehraktion der Gäste. 1:1 - die Tribüne bebte, Bierbecher flogen, und plötzlich wirkte alles möglich. "Da dachte ich, jetzt kippt das Ding", gab Eschborns Kapitän Eduardo de la Fuente später zu Protokoll. "Aber Millwall ist halt Millwall - die brauchen nur einen Moment." Und der kam. Nur neun Minuten später, in der 58. Minute, traf wieder Riley Charpentier. Diesmal nach Vorarbeit von Bradley Davonport, der den Ball mit der Präzision eines Uhrwerks auf den zentralen Mittelfeldmann legte. Charpentier zog mit dem linken Fuß ab, und Eschborns Torwart Logan Cochran konnte nur noch hinterherschauen. 1:2 - Millwall war zurück in Führung, eiskalt wie zuvor. Danach wurde es ruppiger. Zwei Gelbe Karten für die Gäste - Elliot Lockwood (66.) und Bradley Crichton (74.) - zeigten, dass Millwall auch in der Conference League nicht zimperlich ist. "Wenn du bei uns durch die Mitte willst, musst du den Helm mitbringen", grinste Millwall-Coach Sonny Crocket nach dem Spiel. Eschborn versuchte alles, aber die letzte Präzision fehlte. Tibor Nyilasi schoss in der 80. Minute knapp vorbei, und in der Nachspielzeit hatte Jacob Holz noch einmal die große Chance, doch Caviness parierte spektakulär. Der Ballbesitz von 47 zu 52 Prozent zeigte: Es war ein Spiel auf Augenhöhe - mit dem Unterschied, dass Millwall seine Chancen nutzte. Nach dem Abpfiff standen die Eschborner Spieler lange auf dem Rasen, während die Engländer in die Kurve klatschten. Ein bittersüßes Bild: viel Kampf, viel Wille, aber keine Punkte. Trainer Yas Sin nahm es mit Galgenhumor: "Wir haben Millwall fast geknackt - aber fast zählt halt nur beim Hufeisenwerfen." Torschütze Buchholz nickte: "Wir müssen lernen, solche Spiele zuzumachen. Aber hey - wir haben sie wenigstens mal richtig geärgert." Millwalls Doppeltorschütze Charpentier wiederum blieb sachlich: "Zwei Tore sind schön, aber wichtiger ist, dass wir als Team ruhig geblieben sind." Ruhig und gnadenlos - so könnte man den Abend zusammenfassen. Am Ende bleibt für Eschborn die Erkenntnis, dass europäische Nächte zwar magisch, aber auch gnadenlos ehrlich sein können. Und vielleicht, ganz vielleicht, wird man sich in ein paar Jahren an diesen Abend erinnern und sagen: Da fing etwas an - auch wenn es sich damals wie ein Ende anfühlte. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wir haben verloren, ja. Aber wenigstens gegen Engländer. Das ist irgendwie stilvoller." 30.08.643990 09:28 |
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