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Es war eine dieser Nächte, in denen das Stadion schon nach zehn Minuten vibrierte, als würde der Pokal selbst unter den 16.000 Zuschauern sitzen und mitfiebern. ES Marilia gegen Deportivo Marilia - Stadtduell, Stolz gegen Trotz, Bruder gegen Bruder. Nur einer durfte weiter. Und am Ende war es tatsächlich ein 18-Jähriger Linksverteidiger namens Ricardo Coluna, der mit einem trockenen Schuss in der 36. Minute das Spiel entschied. 1:0. Kein Spektakel auf der Anzeigetafel, aber eines für die Seele der Heimfans. Trainer Alexander Probost hatte seine Elf offensiv ausgerichtet, wie man es von einem Hausbesitzer erwartet, der den Gästen zeigen will, wo der Schlüssel hängt. Schon in den ersten Minuten drosch Julian Ruy den Ball aus der zweiten Reihe Richtung Tor, als wolle er den Keeper von Deportivo gleich persönlich begrüßen. Es folgten Schüsse von Lefebvre, Ferreira, Fortun, Featherstone - eine ganze Galerie vergebener Kunstwerke. 17 Torschüsse am Ende, 1 Tor. "Wenn wir Zielwasser hätten, wären wir Weltmeister", grinste Probost nach dem Spiel, halb stolz, halb genervt. Deportivo Marilia dagegen wirkte, als hätte man sie auf eine Klassenfahrt geschickt, deren Ziel sie nicht kannten. Zwei Torschüsse in 90 Minuten - der erste in der 78. Minute. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte ihr Torwart Silvestre Morte mit todernstem Gesicht. "Hat ja fast geklappt." Fast. Denn da war ja noch dieser Moment, als Diego Rocha auf der linken Seite anzog, zwei Gegenspieler ins Leere rutschen ließ und den Ball mit chirurgischer Präzision in den Lauf des jungen Ricardo Coluna spielte. Der 18-Jährige nahm Maß, schoss - und die Tribüne explodierte. "Ich hab einfach draufgehalten", stotterte Coluna später, noch mit Grasflecken auf der Stirn. "Ich wusste gar nicht, dass der Ball drin ist, bis mich alle umgerannt haben." Der Jubel dauerte minutenlang, und selbst die kühle Abendluft konnte die Hitze der Euphorie nicht dämpfen. Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig. ES Marilia blieb offensiv, drängte, kombinierte. Deportivo verteidigte, als ginge es um das letzte Stück Pizza. Mateo Fortun scheiterte mehrfach, Lefebvre traf gefühlt alles - nur das Tor nicht. In der 61. Minute wieder: herrlicher Pass von Nuno Ferreira, Fortun frei vor Morte - und der Ball segelt über die Latte. Vom Gästeblock kam ein kollektives "Uff", das selbst die Ersatzbank hören konnte. In der 45. Minute hatte Probost Lionel Tonel vom Feld genommen und den quirligeren Predrag Jestrovic gebracht. "Lionel war etwas müde", sagte der Trainer später mit einem Augenzwinkern. "Er hat wohl gedacht, 45 Minuten reichen heute." Jestrovic brachte frischen Wind, doch ein zweites Tor wollte einfach nicht fallen. Deportivo versuchte in den letzten zehn Minuten so etwas wie Angriff, doch was herauskam, waren zwei harmlose Versuche von Miguel Aguas und Hugo Conceicao. Torwart Vitorino Maniche im Kasten von ES Marilia durfte sich endlich auch mal die Handschuhe schmutzig machen - und das war’s. Statistisch gesehen war das Spiel klar: 52 Prozent Ballbesitz für ES Marilia, 17:2 Torschüsse, bessere Zweikampfquote, mehr Laufbereitschaft. Nur im Nervenflattern lagen beide gleichauf. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Trainer Probost seinem Co-Trainer in die Arme, während Coluna mit offenem Mund in die Kurve starrte. "Ich glaub, ich kann heute nicht schlafen", murmelte er. Deportivos Trainer - der nach dem Spiel wie ein Mann wirkte, der einen Regenschirm in der Wüste verkauft hat - fasste es trocken zusammen: "Wir hatten unseren Plan. Leider hatte der Ball einen anderen." Das Publikum verabschiedete die Spieler mit Applaus. Manche Fans sangen noch, während die Flutlichter längst erloschen. Pokalnächte in Marilia, das sind keine Spiele - das sind kleine Theaterstücke des Wahnsinns. Und irgendwo in der Kabine saß Ricardo Coluna mit seinem ersten Pokaltor, einem Schweißband voller Gras und einem Grinsen, das wahrscheinlich noch bis zum Achtelfinale hält. "Wenn das so weitergeht", sagte er, "muss ich mich wohl an Interviews gewöhnen." Ein Satz, der so unschuldig klang - und doch wie ein Versprechen, dass man von diesem Jungen noch hören wird. 14.10.643990 01:06 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus