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Wenn man bei einem 0:5 noch von einem "gebrauchten Abend" spricht, ist das fast schon höflich. Veilchen Aue erlebte am Samstagabend vor 1.982 Zuschauern in der Verbandsliga J gegen Borussia Emsdetten eine Lehrstunde in Sachen Tempo, Präzision und - ja, auch jugendlicher Unbekümmertheit. Die Gäste, Durchschnittsalter knapp 20, spielten, als gäbe es kein Morgen, und ließen die erfahrene Auer Mannschaft aussehen, als stünde sie im Stau, während die Borussen längst auf der Überholspur davonsausten. Dabei hatte Aue mutig begonnen. Trainer - dessen Name in den Unterlagen verschollen scheint, vielleicht wollte er nach diesem Abend anonym bleiben - ließ offensiv auflaufen. Doch offensiv war an diesem Abend nur der Schaden. Kein einziger Torschuss fand den Weg aufs gegnerische Tor - null. Nada. Während Borussia Emsdetten stolze 23 Abschlüsse verbuchte, verbrachte Aues Torhüter Leon Maass gefühlt mehr Zeit in der Hocke als ein Yoga-Schüler im Anfängerkurs. Die ersten 30 Minuten hielten die Veilchen immerhin wacker dagegen. Dann aber begann das Unheil. In der 40. Minute zirkelte Ricardo Quintana den Ball nach feinem Zuspiel von Valter Bjorklund aus 18 Metern ins Netz - 0:1. Kaum hatte das Publikum den ersten Schock verdaut, klingelte es erneut. Zwei Minuten später stocherte Vicente Jorge, ebenfalls 19 und offenbar mit eingebautem Torinstinkt, den Ball über die Linie. "Ich dachte kurz, er sei im Abseits - aber dann hab ich gesehen, dass Aue sowieso alle hinten stand", grinste Jorge später in die Mikrofone. Zur Halbzeit führte Emsdetten verdient mit 2:0, und man ahnte: Das wird kein gemütlicher Abend für die Gastgeber. Trainer Nico Wolf, jung, ehrgeizig, und mit einem Lächeln, das wahlweise Charme oder Überheblichkeit ausstrahlen kann, sagte in der Pause angeblich zu seinen Spielern: "Geht raus und spielt weiter so - aber lasst wenigstens ein paar Grashalme stehen." Die zweite Hälfte begann, wie die erste endete - mit einem Emsdettener Treffer. Innenverteidiger Vincent Arnaud, kurz zuvor noch mit Gelb verwarnt, köpfte nach einer Ecke von Damiano Paola zum 0:3 ein (50.). "Ich wollte eigentlich nur klären, aber dann war der Ball schon drin", witzelte Arnaud nach Abpfiff. Aues Versuch, etwas entgegenzusetzen, verpuffte. Ballbesitz? 36 Prozent. Zweikampfquote? Unterirdisch. Der einzige Auer, der sich länger mit dem Ball beschäftigte als nötig, war der Balljunge, der ihn ständig aus dem Netz holen musste. In der 63. Minute traf erneut Vicente Jorge - wieder auf Vorlage von Davib Elliot, der mit drei Assists zum stillen Regisseur des Abends wurde. Emsdetten schaltete danach einen Gang zurück, ließ den Ball laufen und die Veilchen laufen - meist vergeblich. In der 87. Minute setzte Damiano Paola selbst den Schlusspunkt: Nach einem Doppelpass mit Elliot zog der rechte Außenverteidiger trocken ab, 0:5. "Ich hab einfach mal draufgehalten", sagte Paola, der sich kurz darauf noch eine Gelbe Karte abholte - offenbar aus Nostalgie, damit wenigstens etwas Farbe im Spiel blieb. Bei Aue war die Stimmung nach Abpfiff entsprechend gedrückt. Rechtsverteidiger Andre Heinrich, der in der 82. Minute Gelb sah, meinte resigniert: "Wir hätten noch zwei Tage spielen können und kein Tor gemacht." Torwart Leon Maass fasste das Debakel in einem Satz zusammen: "Wenn du keinen Schuss aufs Tor bringst, kannst du auch kein Spiel gewinnen." Emsdetten hingegen feierte ausgelassen, aber mit Stil. Trainer Wolf lobte seine Youngsters: "Das war erwachsen gespielt. Wir haben ruhig aufgebaut, klug abgeschlossen - und uns nicht von der Atmosphäre beeindrucken lassen." Tatsächlich wirkte es, als hätten seine Spieler in jedem Moment gewusst, was sie tun. Diszipliniert, ballsicher, zielstrebig - und dabei nie arrogant. Für Aue bleibt die Erkenntnis: Offensive Aufstellung hilft wenig, wenn der Gegner den Ball hat. Die Zuschauer verabschiedeten die Mannschaft trotzdem mit Applaus - vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Hoffnung. Denn schlimmer kann’s kaum werden. Oder, um es mit einem zynischen Fan auf der Tribüne zu sagen, der nach dem Abpfiff trocken bemerkte: "Na ja, wenigstens ging’s nicht in die Verlängerung." Ein bitterer Abend für Veilchen Aue, ein glänzender für Borussia Emsdetten - und ein Spiel, das in die Kategorie "Lehrfilm für taktische Demut" gehört. 08.01.643994 07:47 |
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Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
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