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Es gibt Fußballspiele, die sich nicht an Wahrscheinlichkeiten halten wollen - und Empor Rostock gegen den SC Neu-Ulm war genau so eines. 3865 Zuschauer im altehrwürdigen Ostsee-Stadion sahen am 15. Spieltag der Oberliga F ein Duell, das mit Zahlen kaum zu erklären ist: 15 Torschüsse für Neu-Ulm, nur sechs für Rostock - und trotzdem stand am Ende ein 3:2 für die Gastgeber auf der elektronischen Anzeigetafel. Schon nach neun Minuten bebte die Tribüne: Wilhelm Bruns, der 32-jährige Rechtsaußen mit der Stürmerseele, zog nach einem verunglückten Rückpass der Gäste trocken ab - 1:0! "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Bruns später und versuchte gar nicht erst, bescheiden zu wirken. Was folgte, war ein wütendes Aufbäumen der Neu-Ulmer. Sie ließen Ball und Gegner laufen, kontrollierten das Spiel mit gut 51 Prozent Ballbesitz, fanden aber zunächst keinen Weg durch die dicht gestaffelte Rostocker Defensive. Dann, in der 28. Minute, die Belohnung: Janis Baier schob nach feinem Zuspiel von Timo Hammer überlegt zum 1:1 ein. "Das war so ein Moment, wo du spürst, dass es läuft", meinte Baier später - und ahnte wohl nicht, dass es gleich wieder anders laufen würde. Denn kaum hatten sich die Gäste sortiert, legte Rostock erneut vor. In der 39. Minute zirkelte der junge Lars Schumacher, 21 Jahre alt und mit der unerschütterlichen Leichtigkeit seiner Generation, den Ball nach schöner Vorarbeit von Routinier Jason Janssen in den Winkel. 2:1 - und der Stadionsprecher kam kaum hinterher. "Wir haben uns in der Pause angeschaut und gefragt, wie das passieren konnte", knurrte Neu-Ulms Trainer, der offenbar das Chaos im eigenen Strafraum nicht fassen konnte. Empor-Coach Johan Johansson dagegen grinste verschmitzt: "Das war unser Plan. Wenn man weniger Ball hat, braucht man ihn nicht so oft zu verlieren." Sarkasmus oder Genie - die Grenzen sind bekanntlich fließend. Nach dem Seitenwechsel machte Neu-Ulm ernst. Angriff auf Angriff rollte, und irgendwann musste es passieren: Der 19-jährige Karsten Wurst, der Name klingt nach Imbissbude, spielte aber wie Feinkost - in der 53. Minute verwertete er eine Flanke von Pattrick Hoffmann zum 2:2. Kurz darauf hatte derselbe Wurst sogar die Führung auf dem Fuß, traf aber nur den Außenpfosten. Und dann kam, wie so oft an der Küste, der Wind der Erfahrung: Maik Haase, 33 Jahre, alter Haudegen im Sturm, drückte in der 56. Minute nach einer butterweichen Hereingabe von Janssen den Ball über die Linie - 3:2 für Empor. "Ich dachte schon, der Ball will nicht rein", sagte Haase später, "aber dann hab ich ihn einfach überredet." Neu-Ulm rannte, kämpfte, schoss - aber Rostocks Keeper Uwe Kuehn hielt, was zu halten war. Und wenn er mal nicht dran war, war da immer noch ein Bein, ein Rücken, ein verzweifelter Grätscher. 15 Abschlüsse für die Gäste, aber nur zwei Tore - das nennt man Effizienz auf der falschen Seite. In der 82. Minute holte sich Timo Hammer noch Gelb ab, wohl aus Frust. "Ich wollte nur den Ball", erklärte er, und der Schiedsrichter soll trocken geantwortet haben: "Den haben Sie aber nicht getroffen." Damit war die Geschichte des Spiels erzählt. Rostock verteidigte die letzten Minuten mit allem, was Beine hatte, und als der Abpfiff ertönte, klang das Stadion wie ein Schiffshorn im Nebel: laut, rau, glücklich. "Wir haben heute gezeigt, dass man auch mit weniger Ballbesitz mehr Spaß haben kann", meinte Trainer Johansson auf der Pressekonferenz, während sein Kollege aus Neu-Ulm mit zusammengepressten Lippen in den Statistikblock starrte. 51 Prozent Ballbesitz, 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 15 Torschüsse - und trotzdem null Punkte. Fußball kann grausam sein, aber manchmal ist er halt auch ein bisschen poetisch. Am Ende blieb die Erkenntnis: Empor Rostock hat vielleicht nicht das schönste Spiel gemacht, aber ein cleveres. Und in der Oberliga F zählt das mindestens genauso viel. Oder, wie Wilhelm Bruns es formulierte, während er mit einem Becher isotonischen Kaltgetränks in der Hand in die Kabine trottete: "Schönspielen können andere. Wir spielen lieber so, dass’s in der Zeitung steht." Und da hat er wohl recht. 11.07.643987 00:55 |
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