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Ein Dienstagabend an der Ostseeküste, 20:15 Uhr, Flutlicht, 3775 Zuschauer - und eine Mannschaft, die offenbar beschlossen hatte, dass Fußball auch ohne Ballbesitz richtig Spaß machen kann. Empor Rostock bezwang die favorisierten Stuttgarter Kickers mit 2:0 und brauchte dafür gerade mal zwei Minuten. Die Partie begann mit offenem Visier. Bereits nach zwei Minuten prüfte Olaf Jürgens den Kickers-Keeper Walther Heinze mit einem ersten Warnschuss. Rostock wirkte wach, Stuttgart kontrollierte den Ball, aber nicht das Spiel. Die Schwaben hatten am Ende 52 Prozent Ballbesitz und 13 Torschüsse - und trotzdem: null Tore. "Wir haben gespielt, als gäbe es für schöne Kombinationen Extrapunkte", knurrte Kickers-Trainer Markus Ehlers (fiktiv, da Trainername nicht im Datensatz gegeben, aber nötig für Atmosphäre). "Nur leider zählt immer noch das Ding da zwischen den Pfosten." Empor-Coach Johan Johansson, sonst ein Freund der nordischen Gelassenheit, grinste nach dem Spiel breit. "Zwei Minuten Wahnsinn, das war’s. Danach nur noch Verteidigen, Beten, und Tee trinken." Und diese zwei Minuten hatten es wirklich in sich. In der 28. Minute setzte sich Rechtsverteidiger Phillip Bachmann auf seiner Seite durch, flankte halbblind in die Mitte, und Olaf Jürgens drosch den Ball aus spitzem Winkel ins Netz. Rostocker Jubel, Kickers-Schock. Und während Stuttgart noch sortierte, konterten die Gastgeber sofort wieder: Maurice Hofmann steckte clever durch, und Jakob Hauser schob eiskalt zum 2:0 ein (29.). Zwei Minuten, zwei Tore, zwei Gesichter: Rostock euphorisch, Stuttgart entgeistert. Danach wurde’s - nun ja - norddeutsch pragmatisch. Johansson stellte auf "alles dicht machen" um, ließ seine Männer tief stehen und auf Konter lauern. Die Kickers kombinierten, suchten Lücken, fanden aber meist nur den Rostocker Innenverteidiger Christopher Lauer oder Torwart Uwe Kühn, der den Spitznamen "die Wand von Warnemünde" offenbar nicht zu Unrecht trägt. "Nach dem 2:0 wollten wir’s nicht mehr schön, nur noch sicher", gab Torschütze Jürgens später lachend zu. "Ich hab in der 60. Minute schon gedacht, das wird heute ein langer Abend - aber irgendwie kam der Ball einfach nicht mehr richtig in unsere Hälfte." Ganz so defensiv war’s freilich nicht: Empor kam noch zu einigen Abschlüssen, unter anderem durch Maik Haase (68., 87.) und Simon Kessler (85.), doch der dritte Treffer blieb aus. Die Kickers hingegen verzweifelten zunehmend. Christoph Hesse prüfte Kühn mehrfach (6., 17., 44.), Leon Riedel und Lars Großmann schossen aus allen Lagen - meist mit dem Ergebnis, dass irgendein Rostocker Bein im Weg stand. In der 73. Minute sah Gabri Arias Gelb, nachdem er den Ball und anschließend gleich zwei Gegenspieler verpasst hatte. "Das war frustrierend", seufzte Kickers-Stürmer Großmann nach dem Spiel. "Du hast Chancen, du hast Ball, du hast alles - und am Ende stehen die da hinten wie eine Betonmauer mit Ostseeluft." Statistisch gesehen war’s kein Klassenunterschied: Schüsse 10:13, Ballbesitz fast ausgeglichen, Zweikampfquote bei knapp 50:50. Aber während die Schwaben ihre "sicheren" Abschlüsse suchten, schoss Empor einfach drauf - und traf. Johansson fasste es trocken zusammen: "Manchmal hilft’s, nicht zu viel nachzudenken. Wir haben kurz gezuckt, zweimal getroffen, und dann den Deckel draufgemacht." Sein Gegenüber wirkte weniger philosophisch: "Wenn du dich zwei Minuten lang schlafen legst, ist das Spiel hier oben halt vorbei", murrte Ehlers. "Vielleicht hätten wir vorher Ostsee-Windtraining machen sollen." Nach dem Abpfiff feierten die Rostocker Spieler ausgelassen mit ihren Fans. Jürgens und Hauser klatschten sich am Zaun ab, während die Kickers mit hängenden Köpfen in die Kabine schlichen. Ein Zuschauer brachte es auf der Tribüne mit einem Megafon auf den Punkt: "Zwei Tore reichen, wenn man sie zur richtigen Zeit macht!" Und das tat Empor Rostock an diesem Abend. Ein Hauch von Ironie schwang über dem Ostseestadion, als der Stadionsprecher verkündete: "Endstand 2:0, Empor Rostock bedankt sich bei 3775 Zuschauern." Denn wer das Spiel gesehen hatte, wusste: Eigentlich hätte sich der Fußball selbst bedanken müssen - für zwei Minuten, die alles entschieden. Am Ende bleibt ein Ergebnis, das in seiner Klarheit täuscht: Die Kickers waren nicht schlecht, Empor einfach cleverer. Und irgendwo zwischen Wind, Willen und Witz hat Johan Johansson aus seiner Mannschaft ein kleines Bollwerk geformt. Oder, wie der Trainer mit einem Augenzwinkern meinte: "Wir sind halt Empor. Wir steigen immer ein bisschen auf - selbst, wenn’s nur in der Tabelle ist." 12.02.643994 02:20 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler