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Es war ein dieser Abende, an denen ein Fußballspiel zur Charakterstudie wird. 3891 Zuschauer auf dem Eidelstedter Sportpark-Areal sahen am Samstagabend eine Heimelf, die mehr Ballkontakte sammelte als ein Großraumbüro in der Mittagspause - und trotzdem mit 0:3 gegen Empor Rostock unterging. Schon vor dem Anpfiff um 20:15 Uhr wehte ein Hauch norddeutscher Frühlingskühle durchs Stadion. "Wir wollten die Kontrolle, nicht das Chaos", sagte ein sichtlich gefasster Eidelstedt-Coach nach der Partie - dessen Name man nach diesem Abend vielleicht besser verschweigt. Kontrolle hatten seine Spieler tatsächlich: 60 Prozent Ballbesitz, 13 Abschlüsse aufs Tor. Nur das Tor selbst blieb eine Art Fata Morgana. Empor Rostock dagegen kam mit dem Pragmatismus eines Küstenfischers: drei Chancen, drei Treffer. In der 17. Minute bediente Maurice Hofmann seinen Stürmer Jakob Hauser, der rechts am Strafraum lauerte, einmal nach innen zog und trocken abschloss. 0:1 - und die Eidelstedter Hintermannschaft schaute sich an, als habe jemand gerade die Bedienungsanleitung für ihr Abwehrverhalten ausgetauscht. Der SV Eidelstedt reagierte, hatte durch Arne Klein und Julian Kraus gleich dreimal den Ausgleich auf dem Fuß. Doch entweder fand der Ball den Weg in die Hände von Empor-Keeper Max Falk oder in die dritte Etage der Tribüne. "Ich wollte’s schön machen", gestand Kraus später mit einem schiefen Lächeln. "Aber schön bringt hier halt keine Punkte." Bis zur Halbzeit blieb es beim knappen Rückstand. Empor agierte unscheinbar, fast schüchtern, aber unheimlich effektiv. Trainer Johan Johansson stand an der Seitenlinie wie ein Schachspieler, der genau wusste, dass der Gegner gleich in die eigene Falle tappt. "Wir wussten, dass Eidelstedt viel Ballbesitz will", erklärte er nachher. "Also haben wir ihnen den Ball gegeben. Geschenke muss man ja annehmen." Im zweiten Durchgang wurde das Bild noch deutlicher. Eidelstedt kombinierte, passte, suchte Lücken - fand aber nur die robusten Beine der Rostocker Abwehr. Die Gäste stellten auf Konter um, warteten geduldig auf die eine Lücke. In der 82. Minute kam sie: Jesper Paulsson flankte präzise von rechts, Björn Hafner stieg am höchsten und köpfte zum 0:2 ein. Ein Tor, so klinisch sauber, dass man fast den Applaus der Medizinstudenten in der Kurve hören konnte. Zwei Minuten später folgte der endgültige Knock-out. Valter Holmqvist schickte Olaf Jürgens auf die Reise, der den Ball mit der Sohle stoppte, zweimal antäuschte und dann trocken ins lange Eck schlenzte. 0:3 - und das Stadion verstummte. "Da war der Stecker gezogen", murmelte ein Eidelstedter Ersatzspieler auf der Bank, während der Rest des Teams noch verzweifelt die Statik der eigenen Angriffsversuche überprüfte. Empor Rostock musste danach nicht mehr viel tun, außer die Zeit herunterzuspielen - und darauf zu achten, dass sich niemand verletzte. Doch in der Nachspielzeit erwischte es ausgerechnet den jungen Jannik Hafner, der nach einem Zweikampf humpelnd vom Platz musste. "Nur eine Prellung", gab Trainer Johansson erleichtert Entwarnung, "aber nach so einem Spiel kann man auch mal mit einem blauen Fleck glücklich sein." Eidelstedt dagegen suchte nach Erklärungen. Torwart Luka Raab schüttelte nach dem Schlusspfiff den Kopf: "Ich hatte das Gefühl, wir hätten noch drei Stunden spielen können - und hätten trotzdem kein Tor gemacht." Eine bittere Erkenntnis, die von den Zahlen bestätigt wird: mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, weniger Effekt. Empor Rostock spielte das, was man gemeinhin als "erwachsen" bezeichnet: defensiv diszipliniert, im Abschluss eiskalt, in der Körpersprache unaufgeregt. Die Gelbe Karte für Stephan Sonntag in der 19. Minute war der einzige Schönheitsfehler in einer Vorstellung, die Trainer Johansson später als "nordisch nüchtern" lobte. Für Eidelstedt bleibt die Frage, ob man sich für Ballbesitz etwas kaufen kann. Die Antwort kam an diesem Abend in Form von drei Treffern aus Rostock. Oder, wie es ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions formulierte: "Die hatten den Ball - die anderen das Spiel." Und das fasst diesen sechsten Spieltag der Oberliga F wohl besser zusammen, als jede Statistik es je könnte. 08.01.643994 07:47 |
Sprücheklopfer
Wir wollten in Bremen kein Gegentor kassieren. Das hat auch bis zum Gegentor ganz gut geklappt.
Thomas Häßler