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Was für ein Abend im Rostocker Ostseestadion! 3905 Zuschauer erlebten ein Fußballspiel, das alle Klischees des Sports in 90 Minuten abspulte: Schock, Wut, Hoffnung, und am Ende pure Ekstase. Empor Rostock besiegte den FC Neubrandenburg mit 3:2 - und das nach einem 0:2-Rückstand zur Pause. Ein Comeback, das man wohl noch eine Weile in den Hafenkneipen der Stadt diskutieren wird. Dabei begann alles wie aus einem Albtraum für die Hausherren. Kaum hatte Schiedsrichter Meyer angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz: Luis Schmitt traf nach gerade einmal 60 Sekunden zur Gästeführung. Während die Rostocker Defensive noch den Rasen suchte, auf dem sie eigentlich stehen sollte, jubelte Neubrandenburgs Trainer lautstark an der Seitenlinie. "So wollten wir sie überraschen", grinste Schmitt später, "aber dass es gleich so klappt, war selbst für uns zu früh." Empor kam danach kaum ins Spiel. Die Gäste, taktisch sauber eingestellt und mit sicherem Passspiel, schnürten Rostock phasenweise in deren Hälfte ein. Es folgten Schüsse von Ilic, Arndt und Schröder - Torwart Max Falk hatte alle Hände voll zu tun. Kurz vor der Pause dann der nächste Nackenschlag: Veselin Ilic schob nach Vorlage von Jannis Klug zum 0:2 ein (45.). Trainer Johan Johansson starrte zu diesem Zeitpunkt stoisch auf seine Notizen - man konnte fast sehen, wie er innerlich das Wort "Katastrophe" umkreiste. "In der Kabine wurde’s laut", verriet Abwehrspieler Sascha Vetter später. "Aber nicht von Johan - der hat ganz ruhig gesagt: ’Ihr wisst, was ihr könnt. Also fangt endlich an, Fußball zu spielen.’" Offenbar reichte das. Denn kaum rollte der Ball wieder, klingelte es auf der anderen Seite. In der 47. Minute brachte Maik Haase die Gastgeber nach Vorarbeit von Lars Schumacher zurück ins Spiel. Ein trockener Schuss aus 14 Metern, keine Chance für Keeper Stephan Hanke. Das Stadion erwachte - und Haase gleich mit. Der 34-Jährige, der schon in der ersten Halbzeit ein paar harmlose Distanzversuche gewagt hatte, drehte nun richtig auf. Zehn Minuten später war er erneut zur Stelle: Nach einem beherzten Vorstoß von Linksverteidiger Vetter stand Haase goldrichtig und drückte den Ball über die Linie (57.). 2:2! Empor hatte das Spiel auf den Kopf gestellt, und plötzlich wackelte Neubrandenburg. Gelbe Karten flogen - Logan Burton sah eine für ein rustikales Einsteigen, Jesper Paulsson später für eine etwas zu leidenschaftliche Grätsche. Der Ballbesitz blieb mit 51 Prozent knapp bei Rostock, doch das Momentum war eindeutig blau-weiß. In der 84. Minute dann die Erlösung: Simon Kessler flankt präzise von rechts, und Jakob Hauser - bisher unauffällig - verwandelt per Direktabnahme zum 3:2. Das Stadion bebte, Johansson ballte die Fäuste, und irgendwo auf der Haupttribüne fiel vermutlich ein Bierbecher vor Freude um. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Hauser nach dem Spiel, "und gehofft, dass keiner im Weg steht. War wohl keiner." Sein Trainer kommentierte das Comeback deutlich nordischer: "Wir haben endlich Herz gezeigt. Und Maik Haase war heute unser Leuchtturm im Sturm - auch wenn er sonst eher der Typ Nebel ist." Neubrandenburg versuchte in den Schlussminuten noch einmal alles. Ilic prüfte Falk in Minute 93, Bach setzte einen verzweifelten Schuss in der Nachspielzeit drüber. Doch Empor verteidigte mit Zähnen, Klauen und einer gehörigen Portion Erleichterung. Am Ende stand ein 3:2, acht Torschüsse für Rostock, 14 für die Gäste - eine Statistik, die zeigt, wie sehr das Spiel auf der Kippe stand. Doch Fußball ist bekanntlich kein Schönheitswettbewerb, und an diesem Abend zählte für die Rostocker nur das Ergebnis. "Manchmal", sagte Johansson mit einem seltenen Lächeln, "muss man erst zwei Gegentore kriegen, um zu merken, dass man eigentlich ganz gut Fußball spielen kann." Ein Satz, der vermutlich in der Kabine an der Wand landen wird - eingerahmt, versteht sich. So wie dieser Abend: wild, dramatisch, unvernünftig - aber ganz sicher unvergesslich. 26.09.643993 03:49 |
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Mario Basler