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Es war ein nasskalter Februarabend im The Den, aber 54.642 Zuschauer hielten tapfer durch - und sahen ein Spiel, das Millwall eigentlich schon in der Tasche hatte. Eigentlich. Doch "eigentlich" ist ein gefährliches Wort im Fußball, wie Trainer Sonny Crocket später mit bitterem Grinsen bekannte: "Wir hatten alles im Griff - Ball, Gegner, Wetter. Nur das Netz wollte nicht mehr mitspielen." Dabei begann alles nach Plan. Millwall übernahm von Beginn an das Kommando, drückte Boreham Wood tief in die eigene Hälfte und feuerte aus allen Lagen. Benjamin Fryer wirbelte im Sturmzentrum, Elliot Lockwood flankte, was das Leder hergab, und Christopher Thackeray beschäftigte an der rechten Seite gleich zwei Verteidiger. Schon nach sieben Minuten zischte der erste Schuss knapp am Pfosten vorbei, in der 13. Minute musste Boreham-Keeper Rhys Crichton erstmals fliegen. 18 Torschüsse standen am Ende für die Gastgeber auf dem Zettel - ein Wert, der normalerweise für zwei Spiele reicht. Doch an diesem Abend war das Tor kleiner als sonst. Zumindest wirkte es so. Während Fryer in der 8., 15. und 29. Minute reihenweise Chancen liegen ließ, beschränkten sich die Gäste auf sporadische Gegenstöße. Dann die 42. Minute: Thackeray auf rechts, ein schneller Doppelpass, scharfe Flanke in die Mitte - und Fryer hält den Fuß hin. 1:0. The Den tobte, die Fans sangen, und Crocket riss beide Arme hoch, als hätte er gerade den Pokal gewonnen. "Benji hat das endlich belohnt, was wir seit Wochen trainieren: Timing, Mut und ein bisschen Frechheit", grinste der Coach im Anschluss. Doch wer Millwall kennt, der weiß: Ruhig zu Ende spielen liegt nicht in der DNA dieses Klubs. Kaum war die Pause vorbei, zeigte Boreham Wood, dass sie auch Fußball spielen können. 47. Minute, Ellis Roades stürmt nach Zuspiel von Ioan Andone über links, zieht trocken ab - und trifft ins lange Eck. 1:1. Ausgerechnet der erste gefährliche Schuss aufs Tor. "Ich dachte, der Ball fliegt in die Themse", witzelte Roades später. "Aber dann hat er sich entschieden, lieber Geschichte zu schreiben." Sein Trainer Sven Schliffke, ein Mann mit der stoischen Ruhe eines Zen-Meisters, sah es nüchterner: "Wir wussten, dass wir Millwall mit Geduld ärgern können. Und ein bisschen Glück gehört eben dazu." Crocket hingegen kochte innerlich. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff war der schöne Vorsprung dahin. Er reagierte sofort, brachte Louis Fairchild für den angeschlagenen Isaac Hartshorn und Daniel Darabont für den müden Alfie Callahan. "Ich wollte frisches Blut und keine Philosophie", knurrte er später. Doch auch mit neuem Personal blieb Millwall das Pech treu. Lockwood traf in der 76. Minute nur die Latte, Charpentier prüfte Crichton in der 80. Minute mit einem Distanzhammer, und Bancroft setzte den Nachschuss in die Oberränge - zum Entsetzen der Fans, die längst stehend das Unvermeidliche ahnten. "Wenn du 18 Mal aufs Tor schießt und nur einmal triffst, dann sagt das mehr über das Leben als über Fußball", philosophierte Fryer nach Abpfiff. Boreham Wood verteidigte mit allem, was Beine hatte. Innenverteidiger Carlos Izquierdo warf sich in jeden Ball, Benjamin Donovan räumte die rechte Seite auf, und der 19-jährige Taylor Hardin, der noch nicht einmal einen Führerschein hat, blockte in der Nachspielzeit den letzten Versuch von Darabont mit vollem Körpereinsatz. Zwei Gelbe Karten für Millwall - Bancroft (58.) und Lockwood (60.) - rundeten einen Abend ab, an dem die Gastgeber zwar alles gaben, aber sich selbst im Weg standen. Ballbesitz? 55 Prozent. Zweikampfquote? 56 Prozent. Chancen? Ungezählt. Ergebnis? 1:1. "Ich bin stolz auf die Jungs", sagte Schliffke nach Spielende, "auch wenn ich nicht genau weiß, wie wir das geschafft haben." Crocket hingegen stapfte mit gesenktem Kopf in die Kabine. "Wir hätten noch eine Stunde spielen können, und es wäre trotzdem 1:1 ausgegangen", murmelte er vor laufender Kamera - und traf damit wohl den Nerv aller Millwall-Fans. Und so bleibt von diesem 33. Spieltag der 1. Liga England vor allem eine Erkenntnis: Fußball ist manchmal eine launische Diva. Millwall dominierte, Boreham Wood punktete, und irgendwo in den Katakomben des Stadions summte jemand leise: "Ein Tor zu wenig, ein Glück zu viel." Vielleicht die treffendste Zusammenfassung eines Abends, an dem der Favorit alles richtig machte - außer das Ergebnis. 13.04.643990 16:30 |
Sprücheklopfer
Wir sind in der Arena der Buhmann der Nation. Es geht um Millionen, und die Fehlentscheidungen häufen sich. Sobald es strittig wird, wird gegen uns gepfiffen. Da müssen wir das Ding eben wieder abreißen.
Rudi Assauer