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Wer am Freitagabend ins Kölner Südstadion gekommen war, bekam für seine 18.098 Eintrittskarten eine gehörige Portion Drama, jugendlichen Übermut und Allgäuer Kaltschnäuzigkeit geboten. Am Ende stand ein 3:3, das beiden Seiten irgendwie schmeckte - und doch keiner wirklich wollte. Schon nach acht Minuten bebte die Tribüne. Ewan Corraface, der 19-jährige Mittelfeldmotor des Effzeh-Nachwuchses, zog nach Vorlage des flinken Samuel Sterling aus zentraler Position ab - 1:0. Trainer Toni Tapolski riss die Arme hoch, als habe er gerade den Klassenerhalt klargemacht. "Wir wollten früh draufgehen und mutig sein", sagte er später, "vielleicht waren wir dann zu mutig." Denn Weiler im Allgäu, die mit der unerschütterlichen Ruhe eines Dorfvereins auf Städtereise antraten, ließ sich davon nicht schrecken. Linus Berger, 28, netzte in der 24. Minute nach einer Flanke von Innenverteidiger Mark Herrmann (!) zum 1:1 ein - ein Treffer, der in jedem Taktikseminar als "das darf nicht passieren" gezeigt werden könnte. Köln wirkte kurz konsterniert, und als Michael Siebert kurz vor der Pause (43.) nach erneutem Zuspiel von Herrmann das 1:2 markierte, hörte man aus der Kölner Coachingzone ein deutlich vernehmbares "Ach du meine Güte". In der Halbzeit soll Tapolski laut einem Spieler "nicht laut, aber sehr bildhaft" geworden sein. Ob das stimmt, bleibt unbestätigt - die Aufstellung sprach Bände: Zwei Wechsel, doppelte Offensive. Hrvoje Mikic und Aad Quackenboss kamen, beide 17, beide mit dem Selbstbewusstsein jugendlicher Ahnungslosigkeit. Doch zunächst jubelten wieder die Gäste: Samuel Erskine traf in der 62. Minute, nach feinem Doppelpass mit Robin Born, zum 3:1 für Weiler. "Da dachte ich kurz: Das war’s", gestand Kölns Torwart Louis Letourneur später. "Aber dann kam Ewan wieder angeschlichen wie ein Terrier." Fünf Minuten nach dem 1:3 war es Mikic, der den Ball nach schönem Pass von Duarte da Costa trocken ins lange Eck setzte. 2:3 - und plötzlich war wieder Feuer drin. Die Kölner Fans sangen, als stünde der Aufstieg bevor, und Trainer Tapolski schickte seine Jungs mit vollem Pressing nach vorn. Weiler bekam kaum noch Luft, und in der 80. Minute war es erneut Corraface, der nach Vorlage von Mikic das 3:3 erzielte. Der Jubel war ohrenbetäubend, und selbst der sonst stoische Tapolski grinste breit: "Wenn du mit so einer jungen Truppe zurückkommst, dann ist das fast wie ein Sieg." Die letzten Minuten waren ein offener Schlagabtausch. Weiler hatte durch Bernd Jahn (87.) noch eine Riesenchance, Köln antwortete mit einem späten Schuss von Rechtsverteidiger Cameron Bernard in der Nachspielzeit (96.). Beide Male fehlten nur Zentimeter. Die Statistik verrät, dass Weiler mit 16 Torschüssen deutlich zielstrebiger war als Köln (8), während die Gastgeber 54 Prozent Ballbesitz hatten - also viel den Ball, aber auch viel Unordnung. "Wir spielen schönen Fußball, manchmal vielleicht zu schön", meinte Corraface nach der Partie und grinste verschmitzt. "Aber lieber schön als gar nicht." Weilers Trainer Mino Raiola (nicht verwandt mit dem berühmten Spielervermittler, wie er betont) war nach dem Schlusspfiff sichtlich hin- und hergerissen: "Wir haben das Ding eigentlich im Sack gehabt. Aber Köln hat diese jugendliche Verrücktheit - und die hat uns am Ende wehgetan." Daniel Philipp sah in der 58. Minute Gelb, ansonsten blieb das Spiel fair - zumindest nach außen. In den Zweikämpfen schenkte man sich wenig: Tacklingquote Köln 45,9 Prozent, Weiler 54,1. "Das spürt man in den Knochen", sagte Siebert nach dem Abpfiff, "aber das war’s wert. So Spiele vergisst man nicht." Als die Fans langsam in die Kölner Nacht verschwanden, blieb der Geruch von Bratwurst, Regen und verpassten Chancen in der Luft. Köln hatte Moral gezeigt, Weiler Effizienz - und am Ende landeten beide dort, wo sie hingehörten: in der Mitte. "Ein 3:3, das sich wie 5:5 anfühlt", murmelte ein älterer Zuschauer beim Verlassen des Stadions. Und vielleicht war das das treffendste Fazit eines Abends, an dem die Jugend tobte, die Routine wankte - und der Fußball einfach wieder einmal herrlich verrückt war. 07.08.643990 10:34 |
Sprücheklopfer
Das ist doch nicht weltbewegend, wenn ich einen Neuville auf rechts habe, und der spielt halt auf Rechtsaußen. Und der Bode spielt links, das ist eben so - und der Bierhoff in der Mitte.
Olaf Thon zur Taktik von Erich Ribbeck