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Ein kalter Januarabend in Berlin, Flutlicht über dem Sportforum, 3082 Zuschauer mit heißem Tee und kalten Füßen - und ein Dynamo, der plötzlich wieder das spielt, was die Fans so lange vermisst hatten: mutig, direkt und mit einem Hauch frecher Berliner Schnauze. Mit 3:0 (1:0) fegte Dynamo Berlin am 8. Spieltag der Verbandsliga F die Schwalbe aus Tündern vom Platz. Und das mit einer Mischung aus Routine, jugendlicher Unbekümmertheit und einem Trainer, der nach Abpfiff so grinste, als hätte er gerade den Lottojackpot geknackt. "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen einfach Spaß haben - und dann haben sie’s übertrieben", lachte Trainer Tim Ancelotti später in die Mikrofone. Spaß - das war wohl das richtige Stichwort. Denn Dynamo spielte, als hätte jemand den Schalter "Selbstbewusstsein" wiedergefunden. Dabei begann die Partie alles andere als souverän. Schon in den ersten Minuten prüften Tünderns Stürmer Joshua Wimmer und Mario Oliveira den jungen Berliner Keeper Samuel Devaney - der 20-Jährige bestand beide Prüfungen mit Bravour. "Ich war noch gar nicht richtig warm, aber das sind die besten Paraden - wenn man einfach machen muss", grinste Devaney nach dem Spiel. Dynamo brauchte rund eine halbe Stunde, um sich zu sortieren. Dann kam die 37. Minute - und mit ihr der Dosenöffner: Andreas Gebhardt, 31 Jahre jung und dienstältester Berliner im Kader, zimmerte das Leder nach Vorarbeit des 17-jährigen Mike Köhler trocken ins rechte Eck. Ein Tor, das nach Lehrbuch und Kaffeehaus zugleich roch: technisch fein, aber mit dieser Berliner Lässigkeit, die sagt: "Na klar, so macht man das halt." Kurz nach dem Jubel gab’s allerdings Gelb für Joschua Ebert - der 18-Jährige hatte offenbar vergessen, dass auch in der Verbandsliga Grätschen von hinten ungern gesehen werden. "Er wollte nur den Ball", verteidigte ihn Kapitän Gebhardt später augenzwinkernd, "dass der Gegner zufällig auch dort stand - Pech." Die zweite Halbzeit begann mit einer Schwalbe - leider keiner aus Tündern, sondern einer im Berliner Strafraum, die der Schiedsrichter souverän ignorierte. Tündern blieb offensiv bemüht, 47 Prozent Ballbesitz sprechen für sich, aber die zündende Idee fehlte. "Wir wollten offensiv stehen, aber irgendwie standen wir nur", brummte Tünderns Trainer später trocken. In der 69. Minute dann das 2:0: Julian Meireles tankte sich über links durch, flankte butterweich - und der 19-jährige Marco Ferrer drosch den Ball volley ins Netz. Ein Treffer, der selbst die frierendsten Fans auf der Tribüne aufsprang. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Ferrer hinterher, "und gehofft, dass keiner im Weg steht. Hat geklappt." Tündern versuchte noch einmal alles, doch ihre Schüsse blieben harmlos - zehn Torschüsse insgesamt, keiner davon wirklich zwingend. Und so kam, was kommen musste: In der 82. Minute setzte der auffällige Raphael Fuchs den Schlusspunkt. Wieder war es Youngster Köhler, der mit Übersicht den Pass spielte, und Fuchs schob eiskalt zum 3:0 ein. Die Dynamo-Fans sangen, die Trainerjacke von Tim Ancelotti sah plötzlich glänzender aus als zuvor, und irgendwo auf der Ersatzbank grinste Mike Köhler verschmitzt in die Kameras. "Das war heute Berliner Mischung", meinte Ancelotti, "ein bisschen Chaos, ein bisschen Klasse - und am Ende drei Punkte." Die Statistik untermauert das Bild: 14 Torschüsse für Dynamo, 10 für Tündern, Ballbesitz 53 zu 47, Zweikampfquote nahezu ausgeglichen. Doch während die Gäste immer wieder am letzten Pass scheiterten, spielte Dynamo mit der Präzision eines Teams, das seine Rollen plötzlich verstanden hat. Nach dem Spiel frotzelte Ferrer in Richtung der Reporter: "Wenn wir so weitermachen, meldet uns der Trainer bald für die Champions League an." - "Keine Sorge", erwiderte Ancelotti lachend, "ich hab schon den Antrag ausgefüllt." So verließ das Publikum gut gelaunt das Stadion, während Schwalbe Tündern nachdenklich in die Nacht verschwand - mit dem Wissen, dass man zwar offensiv auftreten kann, aber trotzdem ohne Flügel heimfährt. Vielleicht war es nicht das Spiel der Saison, aber eines, das zeigt, dass Fußball manchmal ganz einfach ist: Leidenschaft, ein bisschen Mut - und ein 17-Jähriger, der zwei Tore vorbereitet. Dynamo Berlin lebt wieder. Und Berlin, das weiß man seit diesem Abend, hat wieder etwas zu erzählen. 10.04.643987 02:07 |
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Die Fans müssen wissen, dass ich kein Clown bin.
Oliver Kahn