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Ein lauer Januarabend auf den Kanaren, 36.899 Zuschauer im Estadio de los Volcanes - und am Ende ein einziger Treffer, der reichte, um die Stimmung zwischen Euphorie und Enttäuschung zu kippen. Sevilla CF gewann beim tapfer kämpfenden Lanzarote CF mit 1:0 und nahm drei Punkte mit, die so hart erarbeitet waren wie ein Kaffee ohne Zucker. Dabei hatte alles so verheißungsvoll für die Hausherren begonnen. Trainer Meister Leverkusen - der Mann mit dem vielleicht selbstbewusstesten Namen der Liga - ließ seine Elf offensiv ausgerichtet auflaufen. Schon nach sechs Minuten prügelte Ulf Berg den Ball Richtung Tor, und Pierre Bisson, der 20-jährige Wirbelwind im Sturmzentrum, legte kurz darauf gleich zwei Mal nach. "Ich dachte, heute fliegt einer rein", schnaufte Bisson später, "aber der Ball hatte wohl Angst vor dem Netz." Sevilla, von Werner Lorant gecoacht - der in seiner typisch grantigen Art schon beim Einlaufen mit dem vierten Offiziellen diskutierte - begann abwartend. Defensiv, diszipliniert, ein bisschen wie ein Beamter am Freitag um 15 Uhr: bloß keine Überraschungen. Doch wenn sie kamen, dann mit Präzision. Bjarne Bjerregaard, der Däne im Mittelfeld, zog in der 13. Minute erstmals ab. Leandro Obregon, der flinke Argentinier auf links, testete Vincent Maurice weitere Male, und der junge Lanzarote-Keeper bestand seine Prüfungen mit Bravour. Bis zur Pause war das Spiel ein taktisches Schachbrett voller gutgemeinter, aber folgenloser Züge. Lanzarote hatte etwas mehr Ballbesitz (51,8 Prozent), Sevilla verteidigte klug. In der Kabine, so verriet Leverkusen später, habe er seine Jungs mit einem Lächeln gefragt: "Wollt ihr heute eigentlich Tore schießen oder nur den Ball streicheln?" Die Antwort blieb aus - und das sollte sich rächen. In der 62. Minute schlug Sevilla eiskalt zu. Bjerregaard, der bis dahin unauffällig Regie geführt hatte, spielte einen butterweichen Pass in die Gasse. Milan Durisic, der bullige Rechtsaußen, nahm Maß, zog mit rechts ab - und plötzlich war das Stadion still. 0:1. Ein Tor wie ein Dolchstoß, sauber, präzise, unerbittlich. "Ich hab’s einfach gespürt", grinste Durisic nach dem Spiel. "Manchmal weißt du einfach, dass der Ball dich mag." Lanzarote reagierte mit Wut im Bauch. Leverkusen brachte frische Kräfte: Rene Oklestek und Wsewolod Nikitin kamen schon zur Pause, James Young später für den glücklosen Enrique Penas. Doch es half nichts. Fagnano und Bisson feuerten weiter aus allen Lagen, sieben Torschüsse insgesamt, doch Sevillas Keeper Noe Carreras blieb unbezwingbar. Die Andalusier verteidigten tief, fast zu tief, und machten mit zwei Gelben Karten - Fernando Tiago in der 80. und Gregor Van Cortlandt in der 87. Minute - klar, dass sie keine Lust auf Schönspielerei hatten. Lorant kommentierte nach Schlusspfiff trocken: "Schön ist was für Kunstausstellungen. Hier geht’s um Punkte." Dramatisch wurde es kurz vor Schluss, als Sevillas linker Verteidiger Maurizio Mair verletzt vom Platz musste. Lorant brüllte kurz auf, dann schob er Ersatzmann Javi Blanco auf den Platz, der sofort seinen ersten Ballkontakt - natürlich - ins Aus beförderte. "Er wollte zeigen, dass er da ist", grinste Kapitän Van Cortlandt später mit einem Augenzwinkern. Am Ende blieb Lanzarote trotz leichter Feldüberlegenheit und engagiertem Pressing in der Schlussphase ohne Treffer. Sevilla verteidigte das 1:0 mit der Akribie einer Steuerprüfung und jubelte über einen Auswärtssieg, der vielleicht nicht schön, aber effektiv war. "Wir haben heute gegen eine Mauer gespielt, und leider war’s unsere eigene", fasste Trainer Leverkusen den Abend zusammen. "Aber ich bin stolz auf die Jungs - wir haben mehr geschossen als Sevilla, aber weniger getroffen. Fußball ist halt kein Mathematikunterricht." Sevilla dagegen zeigte, wie man mit einem klaren Plan und einer Prise Kaltblütigkeit auch auf stürmischem Inselboden bestehen kann. Lorant, halb zufrieden, halb genervt, zog noch beim Verlassen des Stadions die Stirn kraus: "Wenn die Jungs so weitermachen, krieg ich noch Magengeschwüre - aber wenigstens erfolgreiche." Und so ging ein Spiel zu Ende, das selten glitzerte, aber nie langweilte. Lanzarote kämpfte, Sevilla konterte, und irgendwo über dem Stadion wehte der Wind, als würde er sagen: Wer seine Chancen nicht nutzt, der fliegt davon. Ein bisschen tragisch, ein bisschen komisch - kurzum: ein typischer Fußballabend auf den Kanaren. 03.05.643987 07:05 |
Sprücheklopfer
Ich freue mich, meine ehemaligen Spieler später irgendwo auf der Welt wiederzutreffen. Oder in der Schweiz.
Köbi Kuhn, Nationaltrainer Schweiz