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Es war ein Abend, wie ihn Fußballromantiker lieben: tropische Luft, 29.021 Zuschauer im Duhaney Park Stadium - und ein Spiel, das in den ersten elf Minuten aussah, als wolle Constant Spring seinen Gastgebern eine Lehrstunde erteilen. Am Ende jubelte aber doch das Team von Trainer Stefan Müller, das einen 0:2-Rückstand in ein 3:2 verwandelte. "Ich dachte nach zehn Minuten: Das wird ein sehr langer Abend", gab Müller hinterher zu. Und wer wollte ihm widersprechen? Schon in der 6. Minute rauschte Gerard Ostrander, eigentlich Rechtsverteidiger, in den Strafraum, als hätte ihn ein Jet-Triebwerk angeschoben, und versenkte den Ball nach feinem Zuspiel von Bernard Aubin zum 0:1. Nur fünf Minuten später legte Alexandre Saint-Pierre nach - eiskalt aus spitzem Winkel. 0:2, und der Gästeblock tanzte Limbo. Duhaney Park wirkte kurz wie gelähmt. Doch dann kam Carlos Veloso. Der 28-jährige Rechtsaußen, der offenbar beschlossen hatte, das Spiel einfach selbst zu übernehmen, brachte sein Team in der 32. Minute zurück ins Leben. Nach Pass von Alberto Albacar schlenzte er den Ball ins lange Eck, als wolle er sagen: "So, jetzt reicht’s." Elf Minuten später stand Veloso wieder richtig, diesmal nach Vorarbeit von Alejandro Gama - 2:2 zur Pause. "In der Kabine hab ich nur gesagt: Jungs, jetzt spielen wir mal Fußball", erzählte Trainer Müller später mit einem Grinsen. Was er nicht sagte: Seine Mannschaft hatte bis dahin schon 12 Torschüsse abgegeben und 56 Prozent Ballbesitz - und doch stand es nur unentschieden. Constant Spring, das unter Coach Max Wegner offensiv begann, verlor nach dem Ausgleich völlig den Faden. "Wir wollten weiter draufgehen, aber irgendwie war die Luft raus", murmelte Wegner. Das traf es ziemlich genau. Seine Mannschaft kam im zweiten Durchgang nur auf noch vier Schüsse aufs Tor - Duhaney Park dagegen auf neun weitere. Der entscheidende Moment kam in der 61. Minute. Louis Paré, der zuvor schon zwei Mal aus bester Position vergeben hatte, traf nach schöner Vorarbeit von Joseph MacDuff endlich ins Schwarze. 3:2 - und das Stadion bebte. "Ich hab den Jubel noch im Ohr", grinste Paré nach dem Spiel, "ich glaub, selbst meine Oma in Montreal hat’s gehört." Constant Spring versuchte es danach mit jugendlicher Frische: In der 70. Minute brachte Wegner gleich zwei Teenager - Michael Benett (19) und Charlie Gauthier (21). Doch Erfahrung schlägt Enthusiasmus, zumindest an diesem Abend. Die Defensive von Duhaney Park stand stabil, und Torwart Nicolas Pilat pflückte die letzten hohen Bälle sicher herunter, als sei er im Training. In den letzten Minuten wurde’s noch einmal wild: drei Schüsse von Duhaney Park, zwei hektische Gegenstöße von Constant Spring, ein verzweifelter Wegner an der Seitenlinie, der "Pressing, Männer, Pressing!" brüllte - vergeblich. Duhaney Park brachte den Sieg über die Zeit. Statistisch war das 3:2 mehr als verdient: 21:9 Schüsse aufs Tor, 55,7 Prozent Ballbesitz und eine Zweikampfquote von 53 Prozent sprechen eine deutliche Sprache. Die Gastgeber hatten mehr vom Spiel, mehr Ideen, mehr Geduld - und am Ende eben auch mehr Tore. "Wir haben Moral gezeigt", sagte Doppeltorschütze Veloso nach dem Abpfiff, "nach 0:2 darfst du dich nicht verstecken. Wir wussten, dass Constant Spring früh alles raushaut - aber Fußball dauert nun mal 90 Minuten." Ein Satz, so simpel wie wahr. Stefan Müller fasste den Abend zusammen, wie nur Trainer das können: "Das war kein schönes Spiel, aber ein schöner Sieg." Und auf die Frage, ob er nach elf Minuten schon an eine Niederlage geglaubt habe, lachte er nur: "Ich hab kurz überlegt, ob ich mich krank melde." Constant Spring dagegen steht mit leeren Händen da - und mit der Erkenntnis, dass ein furioser Start allein nicht reicht. "Zwei Tore sind gut", sagte Saint-Pierre trocken, "aber drei wären besser gewesen." Ein Satz, der in seiner Schlichtheit wohl in die Kabinenwand gemeißelt werden könnte. Und so ging ein lauer Januarabend in Kingston zu Ende, an dem Duhaney Park bewies, dass Rückstände nur Zahlen sind - solange man an sich glaubt, den Ball laufen lässt und einen Carlos Veloso in Topform hat. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne rief, als der Schlusspfiff ertönte: "Zwei frühe Tore? Kein Problem - wir spielen ja erst seit Minute zwölf richtig!" 10.04.643987 03:40 |
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Oliver Kahn