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Manchmal schreibt der Pokal die absurdesten Geschichten - und die 3. Runde zwischen Kiryat Shmona FC und Nazareth Illit war eine davon. 48.069 Zuschauer sahen am Freitagabend ein Spiel, das alles bot: frühe Tore, jugendliche Leichtsinnigkeit, taktisches Chaos und einen späten, bitteren Stich ins Herz der Gastgeber. Am Ende gewann Nazareth Illit mit 4:3 nach Verlängerung - und Trainer Jörg Hammer grinste im Flutlicht, als hätte er gerade den Jackpot gezogen. Dabei hatte es für Kiryat Shmona so verheißungsvoll begonnen. Schon in der 10. Minute traf der quirlige Alejandro Cascon nach feinem Zuspiel von Inigo Quixano zum 1:0. "Wir wollten zeigen, dass wir auch Fußball spielen können", sagte Cascon später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Fassungslosigkeit pendelte. Nur vier Minuten später war es vorbei mit der Herrlichkeit: György Weiskopf glich mit einem trockenen Schuss aus, und ehe sich die heimischen Fans sortieren konnten, stand es 1:2 - diesmal durch einen satten Linksschuss von Linksverteidiger Dejan Budan. Trainer Ivan Murganovic brüllte an der Seitenlinie, als wolle er die Zeit anhalten. "Wir haben den Stecker gezogen bekommen, und keiner hat’s bemerkt", knurrte er später in der Pressekonferenz. Das 1:3 durch erneut Weiskopf in der 29. Minute war die logische Folge einer Abwehr, die wirkte, als habe sie sich gerade erst auf dem Parkplatz kennengelernt. Zur Pause pfiffen einige Fans, andere schüttelten nur resigniert den Kopf. Doch Kiryat Shmona wäre nicht Kiryat Shmona, wenn sie nicht wenigstens versuchen würden, das Chaos in Leidenschaft zu verwandeln. Nach Wiederanpfiff brachte Murganovic junge Beine, und prompt fiel in der 48. Minute das 2:3: Der 19-jährige Ghalib Vilner, gerade so alt wie der Führerschein vieler Zuschauer, traf nach Vorarbeit von Stanko Krupnikovic. "Ich dachte, er schießt drüber", gab Krupnikovic später lachend zu. "Aber der Junge hat’s eiskalt gemacht." Nazareth Illit blieb gefährlich, doch Torwart Koenraad Breed hielt, was zu halten war - bis er in der Pause ausgewechselt wurde, angeblich wegen "strategischer Gründe", wie Murganovic später betonte. Auf der Tribüne tuschelte man allerdings, der Keeper habe sich mit dem Trainer über die Wahl der Halbzeitmusik gestritten. Belegen lässt sich das natürlich nicht. In der 71. Minute bebte das Stadion: Lars Linke, ebenfalls 21, zog nach Zuspiel von Domingo Cunha ab - 3:3! Cunha, der kurz darauf Gelb sah, riss die Arme hoch, als hätte er selbst getroffen. "Ich wollte nur zeigen, dass ich auch ohne Karte auffallen kann", witzelte er nach der Partie. Die Gäste aus Nazareth reagierten erstaunlich cool. Hammer, der eher wie ein Geschichtslehrer als wie ein Fußballtrainer wirkt, blieb stoisch an der Linie. "Wir spielen unseren Plan, egal ob’s regnet oder brennt", sagte er später. Und tatsächlich: In der Verlängerung, als alle schon mit einem Elfmeterschießen rechneten, schlug Karol Penksa in der 121. Minute zu. Ein Schuss aus dem Rückraum, leicht abgefälscht - und plötzlich war’s still im Stadion. Kiryat Shmona versuchte noch einmal alles, Quixano drosch in der 123. Minute einen Schuss knapp vorbei, aber das Wunder blieb aus. Der Schlusspfiff klang wie ein Seufzer. Statistisch war’s eine enge Kiste: 14 Torschüsse für Kiryat Shmona, 20 für Nazareth Illit, Ballbesitz fast pari (49,6 zu 50,4 Prozent). Doch die Gäste wirkten in den entscheidenden Momenten abgeklärter - und vielleicht auch etwas glücklicher. "Das war kein schönes Spiel, aber ein ehrliches", bilanzierte Hammer. Murganovic hingegen sah das anders: "Ehrlich? Eher tragikomisch. Wir haben uns selbst geschlagen - und das ganz ohne gegnerische Hilfe." Als die Lichter im Stadion erloschen, blieb das Gefühl, einem jener Pokalabende beigewohnt zu haben, die Trainer altern lassen und Reporter glücklich machen. Nazareth Illit jubelt, Kiryat Shmona trauert - und irgendwo dazwischen liegt der ganze Zauber des Fußballs. Vielleicht hat es György Weiskopf am besten beschrieben: "Wir wussten, dass sie uns wehtun können. Aber am Ende hat’s eben nur kurz gebrannt - und wir haben das Feuer gelöscht." Ein Pokalabend also, der wieder einmal bewies: Am Ende gewinnt nicht immer der Bessere, sondern der, der länger atmet. Nazareth Illit tat genau das - bis zur 121. Minute. 12.07.643987 03:08 |
Sprücheklopfer
Das nächste Spiel ist immer das nächste.
Matthias Sammer