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Ein nasskalter Abend im St. Mary’s Stadium, 54.897 Zuschauer, Flutlicht und englischer Fußball in seiner reinsten Form - also chaotisch, kampfbetont und mit reichlich Drama. Der FC Southampton und Barrow AFC trennten sich am 5. Spieltag der 1. Liga England mit 2:2, ein Ergebnis, das keiner so richtig wollte, aber irgendwie alle verdienten. Von Beginn an machten die Gäste aus Barrow deutlich, dass sie nicht zum Sightseeing gekommen waren. Schon in der 3. Minute prüfte Adam Lankford mit einem satten Schuss den südenglischen Torwart Gabriel Clancy. Der zuckte nur kurz und sagte später augenzwinkernd: "Ich wollte den Ball gar nicht fangen - ich wollte ihn nur beeindrucken." Beeindruckend war vor allem, wie mutig Barrow spielte: 13 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, Pressing wie aus dem Lehrbuch und eine Prise Anarchie im Mittelfeld. In der 21. Minute wurde der Aufwand belohnt: Lankford, erneut auffälligster Mann der Gäste, nagelte den Ball nach Vorarbeit von Nelio Djalo in den Winkel - 0:1. Trainer Ingo Königs ballte die Faust, drehte sich zur Bank und rief: "Siehst du, ich hab’s dir gesagt! Über die linke Seite geht’s!" Kaum hatte er sich gesetzt, da war schon wieder Jubel angesagt. Nur neun Minuten später, in der 30. Minute, erhöhte Paulo Almeida - wieder nach Pass von Djalo - auf 1:2. Moment - 1:2? Ja, denn in der 27. Minute hatte Southamptons junger Flügelflitzer Gabriel Beecroft zwischenzeitlich ausgeglichen. Nach feinem Zuspiel von Gerritt Van Cortlandt schob er den Ball an Barrows Keeper George Beecroft (verwandt? Nein, aber es sorgte für reichlich Verwirrung in der Pressebox) vorbei. "Ich wusste, dass ich den reinmache", grinste Gabriel später, "mein Namensvetter im Tor hat’s mir leicht gemacht." Zur Halbzeit führte Barrow also 2:1 - verdient, aber keineswegs ungefährdet. Southampton hatte zwar weniger vom Spiel, aber mehr vom Chaos. Trainer Michael Böning schien das zu ahnen, als er beim Gang in die Kabine die Jacke auszog und in den Nieselregen brüllte: "Wir sind doch keine Touristen!". Nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel wild. In der 53. Minute humpelte William Corey vom Platz - eine Verletzung am Oberschenkel, die aussah, als sei sie so englisch wie Fish and Chips. Für ihn kam Liam Allington, der sofort versuchte, Struktur ins Mittelfeld zu bringen. Barrow blieb das aktivere Team, doch die Effizienz ging verloren. Rui Eusebio, Xabi Velazquez und Bernardo Contreras hatten Chancen, das Spiel zu entscheiden, aber Clancy im Saints-Tor hatte plötzlich seine heroischen fünf Minuten. "Ich dachte, jetzt dreh ich mal auf", witzelte er später. Dann die 76. Minute: Billy Benett, bis dahin eher unauffällig, steckt den Ball clever in den Lauf von Manuel Tiago, und der Portugiese bleibt eiskalt - 2:2! Das Stadion bebte, Southampton war wieder da, und Böning feierte an der Seitenlinie als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Ich wusste, dass Manuel irgendwann aufwacht", sagte er nach dem Spiel, halb stolz, halb erleichtert. Barrow versuchte in der Schlussphase alles, brachte mit Alexandru Georgescu und Benjamin McGowan frische Kräfte, aber es half nichts. Selbst ein Torwartwechsel in der 90. Minute - Finlay Densham kam für den leicht angeschlagenen George Beecroft - änderte nichts am Ergebnis. Statistisch gesehen war Barrow besser: mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote (54,4 Prozent). Aber Fußball wird bekanntlich nicht im Statistikbüro entschieden, sondern im Strafraum. Und dort hatte Southampton das, was man auf der Insel "grit and glory" nennt - also Schweiß, Schrammen und ein bisschen Glück. "Das war ein ehrliches Spiel", fasste Ingo Königs zusammen. "Mit einem Punkt können wir leben. Aber wir hätten heute auch drei verdient gehabt." Michael Böning konterte trocken: "Ich auch - aber ich nehm den einen." Das Publikum verabschiedete beide Teams mit Applaus. Vielleicht, weil sie wussten, dass Fußball manchmal einfach so ist: unberechenbar, grob, schön. Southampton bleibt damit im Tabellenmittelfeld, Barrow zeigt, dass man auch als Außenseiter an der Südküste ein Spektakel liefern kann. Und irgendwo im Tunnel des St. Mary’s soll Clancy noch gerufen haben: "Beim nächsten Mal bring ich mir Handschuhe mit - für die Statistik!" Ein Abend, der zeigt: Wenn’s in England regnet, dann wenigstens mit Stil. 27.12.643993 20:02 |
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