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Es war ein lauer Märzabend in Rio, 20.000 Zuschauer im Estádio Olímpico Nilton Santos, und zunächst schien alles nach Plan zu laufen. AD Botafogo führte zur Pause 1:0, die Fangesänge hallten durch die Nacht, die Caipirinhas schmeckten, und Trainer Fabian Dietz von Dragon Goianiense sah aus, als überlege er, ob er sich schon mal auf die Heimreise vorbereiten sollte. Doch was dann in der zweiten Halbzeit geschah, war ein Fußball-Orkan aus dem Mittleren Westen des Wahnsinns: Dragon Goianiense drehte das Spiel, als ginge es um die Torquote im Videospiel - Endstand: 2:6. Dabei hatte Botafogo alles, was es für eine stabile Führung braucht: den Ball (immerhin 53 Prozent Ballbesitz), ein frühes Tor durch Jake Densham in der 13. Minute - wunderschön vorbereitet von Leonardo Terme - und das Publikum im Rücken. "In der ersten Halbzeit dachte ich: Das läuft. Dann kam der Sturm", sagte Densham nach dem Spiel und blickte dabei, als hätte er gerade einen Hurrikan überlebt. Und dieser Sturm trug den Namen Lewis Corraface. Der rechte Flügelstürmer der Dragons spielte, als wäre er auf Koffein und Glückshormonen gleichzeitig. Drei Tore (68., 71., 81.) und zwei Vorlagen - eine auf Juanito Perales (76.) und eine auf Fabio Simao (80.) - machten ihn zum unangefochtenen Mann des Abends. "Ich wollte einfach Spaß haben", grinste Corraface später in die Kameras. "Und wenn Spaß Tore bedeutet, nehme ich das in Kauf." Aber der Reihe nach: Nach dem Seitenwechsel kam Dragon Goianiense wie verwandelt aus der Kabine. Offenbar hatte Trainer Dietz in der Pause die Ansprache seines Lebens gehalten. "Ich habe nur gesagt: Jungs, wir sind nicht zum Zuschauen hier", verriet er mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Unglauben pendelte. Keine fünf Minuten später drosch Rechtsverteidiger Ivar Bengtsson in der 48. Minute den Ball aus 20 Metern unter die Latte - das 1:1, ein Paukenschlag. Botafogo schlug noch einmal zurück. In der 55. Minute war es Marcio Beto, der nach Vorlage von Ashton Dewey die erneute Führung erzielte. "Da dachte ich, jetzt kippt’s wieder zu unseren Gunsten", murmelte Beto später, "aber dann hat Lewis uns einfach auseinandergezogen." Denn ab der 68. Minute begann die Corraface-Festspiele. Erst traf er selbst, dann wieder, dann legte er zweimal auf - und schließlich setzte er mit seinem dritten Tor den Deckel drauf. Der junge Frederic Schrader, gerade einmal 18 Jahre alt, durfte ihm beim 6:2 noch den entscheidenden Pass geben. "Ich habe nur gehofft, dass er mich nicht anschreit, wenn ich den Ball zu kurz spiele", lachte Schrader nach dem Spiel, "aber er hat mir danach einfach nur auf den Hinterkopf geklopft." Während Dragon Goianiense 20 Torschüsse abfeuerte, brachte es Botafogo auf ganze zwei - beide fanden zwar den Weg ins Netz, aber das genügte nicht, um die Flutwelle aufzuhalten. Selbst die Defensive der Gäste, angeführt vom abgeklärten Ingvar Anderson, wirkte plötzlich unüberwindbar. In der 69. Minute sah Botafogos Innenverteidiger José Maniche Gelb nach einem rustikalen Einsteigen gegen Corraface, was sinnbildlich für die zunehmende Hilflosigkeit der Gastgeber stand. Trainer Dietz nutzte die Gelegenheit, um taktisch nachzulegen, brachte Rui Djalo für Vitor Puerta, und die Dragons gingen vom ausgewogenen Angriffsspiel auf Flügelfeuerwerk über. Das Ergebnis: ein 20-minütiges Offensivgewitter, das jeden Wetterdienst überfordert hätte. Die Fans von Botafogo verließen das Stadion still, einige klatschten sogar höflich für die Gäste. "Wenn man so untergeht, kann man wenigstens etwas lernen", meinte ein älterer Anhänger, während er seinen Schal abnahm. Trainer Dietz fasste es später nüchtern zusammen: "Wir haben in der zweiten Halbzeit einfach Fußball gespielt." Sein Gegenüber, sichtlich mitgenommen, lächelte gequält: "Wir offenbar nicht." Nach 90 Minuten stand ein 2:6, das in die Annalen des brasilianischen Fußballs eingehen dürfte - nicht wegen der Spannung, sondern wegen der schieren Wucht eines Teams, das in der Pause den Schalter umlegte. Ein augenzwinkerndes Fazit bleibt: Wenn Dragon Goianiense so weitermacht, wird die Liga bald Pressing auf neue Weise buchstabieren - nämlich mit C für Corraface. Und Botafogo? Die sollten sich vielleicht daran erinnern, dass Ballbesitz kein Selbstzweck ist. Manchmal ist es besser, weniger den Ball zu haben - und mehr Tore. 02.06.643993 10:38 |
Sprücheklopfer
Oliver Kahn konnte ich gerade noch davon abhalten, sich zu ertränken. Der Rest hat sich auf der Toilette eingesperrt.
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