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Es gibt Fußballspiele, die beginnen harmlos - und enden als Legende. Das Duell zwischen Dragon Goianiense und Feira de Santana am 13. Spieltag der 1. Liga Brasilien gehört zweifellos zu dieser Kategorie. Vor 47.742 Zuschauern verwandelten die Hausherren das Estádio do Dragão in ein Flammenmeer und brannten ein 9:2-Spektakel ab, das selbst dem härtesten Statistikfreund Tränen der Rührung entlockt hätte. Dabei hatte alles ganz normal angefangen. Feira de Santana, offensiv ausgerichtet und mit leicht überheblichem Lächeln angereist, erwischte den besseren Start. In der 15. Minute schickte der junge Taylan Üzülmez den Ball gefühlvoll in den Lauf von Vitor Bischoff, der eiskalt zum 0:1 einschob. Die Gästebank jubelte, Trainer Fabian Dietz zog kurz die Augenbraue hoch - und ab da wurde’s ungemütlich für Feira. Nur zwei Minuten später glich Jelle Barculo aus, nach glänzender Vorlage des 19-jährigen Carl Adler. Der niederländische Flügelflitzer Barculo, gerade einmal 20 Jahre jung, sollte an diesem Abend noch öfter aufleuchten. "Ich dachte, das war abseits", lachte er später, "aber der Linienrichter hatte wohl Mitleid mit mir." Kaum hatte sich Feira wieder sortiert, traf Taru Kolkka in der 18. Minute - ebenfalls nach Adler-Vorarbeit. Zwei Minuten, zwei Tore, und die Drachen hatten das Feuer entfacht. Die Gäste aber wollten sich nicht kampflos ergeben: Marco Rocha stellte in der 25. Minute nach erneutem Assist von Üzülmez auf 2:2. Für einen flüchtigen Moment sah es nach einem offenen Schlagabtausch aus. Doch dann kam die Lawine. Frederic Schrader, ein 17-jähriger Innenverteidiger, setzte per Kopf nach einer Ecke von Fernando Bosingwa das 3:2 (32.). "Ich wusste gar nicht, dass ich so hoch springen kann", grinste Schrader später in die Kameras. Rui Semedo (43.) und erneut Barculo (45.) sorgten noch vor der Pause für ein 5:2, das Feira de Santana in Schockstarre versetzte. Trainer Dietz schickte seine Mannschaft unverändert in die zweite Hälfte - wozu auch umstellen, wenn die Maschine läuft? Zwar hatte Feira de Santana mit 53 Prozent mehr Ballbesitz, aber Dragon Goianiense schoss, als gäbe es für jeden Treffer ein Freibier: 28 Torschüsse, neun davon drin. Feira kam auf bescheidene sieben. In der 59. Minute machte Barculo seinen Hattrick perfekt, als er nach einem langen Ball von Isidoro Garcia den Torwart umkurvte und lässig einschob. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand er später, "aber dann war das Tor halt im Weg." David Beaulieu erhöhte in der 69. Minute nach Vorarbeit von Semedo auf 7:2. Trainer Dietz klatschte zufrieden, schickte kurz darauf mit Fernando Bosingwa (85.) den nächsten Torschützen auf die Bühne - diesmal per Distanzschuss, der die Latte küsste, bevor er ins Netz einschlug. Das Stadion tobte. Den Schlusspunkt setzte Taru Kolkka in der 90. Minute - sein zweiter Treffer, vorbereitet vom eingewechselten Vitor Puerta. "Ich hatte noch Sprit im Tank", meinte Kolkka trocken. "Und wenn der Ball da so rumliegt, wäre es ja unhöflich, ihn nicht reinzuschießen." Feira de Santana taumelte durch die Schlussminuten, während die Fans der Drachen längst den Samba tanzten. Coach Dietz stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, das Lächeln eines Mannes, der weiß, dass seine Mannschaft an diesem Abend über sich hinausgewachsen ist. "Wir haben offensiv gespielt, wie wir es immer tun - nur hat diesmal alles funktioniert", sagte er nach der Partie. "Selbst meine Großmutter hätte bei dem Tempo noch ein Tor gemacht." Für Feira de Santana bleibt die bittere Erkenntnis: Mehr Ballbesitz nützt nichts, wenn der Gegner aus jeder Lage trifft. "Wir wollten sicher schießen", seufzte Trainer Assunção, "aber die Dragons haben einfach jeden Versuch bestraft. Vielleicht hätten wir auch einfach Anytime wählen sollen." Und so ging ein Abend zu Ende, an dem Dragon Goianiense nicht nur drei Punkte, sondern auch einen neuen Vereinsmythos einsammelte. Ein 9:2, das in die brasilianische Fußballfolklore eingehen dürfte - und das wohl noch lange in den Albträumen der Gäste nachhallen wird. Wer dabei war, wird sich erinnern: an Tore im Minutentakt, an einen 17-jährigen Abwehrhelden und an einen Barculo, der aussah, als wolle er die Welt anzünden. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Wenn das so weitergeht, brauchen wir bald eine Feuerwehr statt eines Schiedsrichters." 06.06.643987 23:00 |
Sprücheklopfer
Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.
Günter Netzer