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Ein Flutlichtabend in der Regionalliga A, 6. Spieltag, 20:15 Uhr: 4404 Zuschauer im kleinen Dortmunder Stadion, die meisten mit dicker Jacke und dünnen Nerven. BV Dortmund gegen SV Darmstadt - auf dem Papier ein Duell zwischen jugendlicher Unbekümmertheit und abgeklärter Erfahrung. Am Ende setzte sich die Jugend durch, und zwar mit einem 2:0, das mehr nach Arbeit als nach Leichtigkeit roch. Trainer Herbert Krunkel, ein Mann mit grauen Schläfen und Geduld wie ein Linienrichter bei Windstärke acht, hatte seine Teenie-Truppe erneut offensiv eingestellt. "Wir wollten sie von Anfang an hinten festnageln", erklärte er später mit einem Grinsen, "auch wenn wir manchmal vergessen haben, wo vorne ist." Tatsächlich begann Dortmund stürmisch. Schon in der ersten Minute prüfte Jürgen Freitag den Darmstädter Keeper Kai Büttner - ein Schuss, der so laut an die Latte krachte, dass selbst die Tauben vom Flutlichtmast aufflogen. In den ersten 20 Minuten folgten weitere Dortmunder Versuche im Drei-Minuten-Takt. Cristian Augustin, gerade 18, fegte über den linken Flügel, als wäre er auf einem Skateboard unterwegs. Sadullah Recber vergab zwei gute Chancen, Pawel Ignaschewitsch zirkelte den Ball knapp am Pfosten vorbei. Nur das Netz blieb unberührt. "Wir hätten schon 3:0 führen können", stöhnte Kapitän Enrique Diaz in der Pause, "aber anscheinend braucht unser Team immer erst den Schock, um wach zu werden." Darmstadt? Spielte mit 53 Prozent Ballbesitz, aber so gefährlich wie ein Hamster im Gegenwind. Drei Torschüsse in 90 Minuten, zwei davon aus der Distanz, der letzte landete im Fangzaun. Rafael Schaller und Ronald Becker mühten sich redlich, aber gegen die Dortmunder Innenverteidigung um Hartmut Weiss biss sich der SVD die Zähne aus. Und dann kam die 46. Minute, kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen. Cristian Augustin sprintete in einen Steilpass von Enrique Diaz, ließ den Torwart aussteigen und schob cool ein - 1:0. Die Südtribüne (also die mit den Bierbechern) explodierte. "Ich hab gar nicht gesehen, dass er den Ball reinmacht", sagte Trainer Krunkel später lachend, "ich war noch dabei, die Taktiktafel zu suchen." Darmstadt reagierte mit Gelb. Erst Evan Willoughby nach einem rustikalen Einsteigen (56.), dann der junge Gerhard Braun (84.) - beides eher Zeichen von Frust als von Aufholwillen. "Wir wollten Druck machen", meinte SVD-Trainer (der Name blieb uns ungenannt, vielleicht aus Selbstschutz), "aber Dortmund hat uns einfach nicht gelassen. Die haben uns laufen lassen, bis wir müde waren." Zwischenzeitlich wechselte Krunkel fröhlich durch: Calik kam für Recber, Devaney für Velez, Munoz für Ignaschewitsch. Frisches Blut, neue Ideen - und in der 78. Minute der Schlusspunkt. Der eingewechselte Ersen Calik tankte sich durch, legte quer, und ausgerechnet Linksverteidiger Geert Hoffman schob den Ball aus kurzer Distanz ins Tor. 2:0. Der Jubel war jugendlich, die Erleichterung alterslos. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Hoffman später, "ich dachte, schlimmer als daneben geht’s nicht." Ging es auch nicht. Darmstadt versuchte noch einmal, durch Schaller (75.) zum Anschluss zu kommen, doch Torwart Karsten Bartsch - 18 Jahre jung und mit Reflexen wie ein Kater auf Koffein - parierte sicher. Am Ende standen 16 Dortmunder Torschüsse, 46 Prozent Ballbesitz und ein verdienter Heimsieg. Die jungen Wilden aus dem Ruhrgebiet wirkten reifer, schneller und - man glaubt es kaum - abgezockter als die routinierten Gäste. "Ich weiß gar nicht, was ich den Jungs noch beibringen soll", witzelte Krunkel nach Abpfiff. "Vielleicht wie man nach einem Sieg nicht gleich Pizza bestellt." Dann klopfte er Augustin auf die Schulter, der sich gerade ein Autogramm von einem Balljungen geben ließ. Darmstadt fuhr mit hängenden Köpfen nach Hause, Dortmund blieb mit drei Punkten und einem breiten Lächeln zurück. Ein Abend, der zeigte, dass Erfahrung schön ist - aber manchmal eben Jugend den Unterschied macht. Und irgendwo in den Katakomben summte jemand: "So jung kommen wir nicht mehr zusammen." Aber das war wohl nur der Platzwart. 18.01.643994 09:04 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus